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Montag, 14. Mai, Alter: 5 Jahre » Zurück

Von: Philipp Loewe

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Demo gegen Rechts in Mittweida

Ein paar Nazis im Gebüsch

Die jüngsten Schlagzeilen über die rechtsradikale Kameradschaft "Sturm 34" brachten das Fass wohl zum Überlaufen. Die Antifa wollte Flagge zeigen im Landkreis Mittweida und rief zur Demonstration gegen Rechtsextremismus auf. Die Einwohner verfolgten das 2000-Mann-Schauspiel größtenteils aus der Entfernung.

Ein Polizeibeamter sichert den Weg zum Bahnhof.
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Welten prallen aufeinander: Demonstranten und Polizisten aus Baden-Württemberg stehen sich gegenüber.
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"Die Glatzen lassen sich bestimmt nicht blicken", weiß der Junge gegenüber auf dem Vierersitz. Er wird Recht behalten. Fast. Es ist Samstagnachmittag, der Regionalexpress fährt von Chemnitz nach Mittweida und er wäre an einem normalen Samstagnachmittag wohl nicht hier. Unterwegs nach Mittweida. Aber die Pflicht ruft. Die autonome Antifa hat zur Demo aufgerufen.

Im Landkreis Mittweida ist es seit Mitte 2006 zu mehr als 50 Übergriffen von Nazis gekommen. Über 20 Menschen wurden dabei zum Teil schwer verletzt. Es gab Brandanschläge auf Asia-Imbisse und Überfälle auf Treffs alternativer Jugendlicher. Viele Studenten aus Mittweida haben Angst nachts auf die Straße zu gehen.

Solche Demonstrationen folgen Ritualen. Die Antifa demonstriert, die Polizei reist aus hunderten Kilometern Entfernung an. Diesmal aus Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen. Es ist ein bisschen wie ein Wettkampf, zu dem sich zwei Mannschaften an immer verschiedenen Schauplätzen treffen, die Teilnehmer sind immer dieselben, der Ablauf und die Parolen auch.

In der Feldstraße haben sich gepanzerte Polizisten aufgebaut: Arme und Beine in grüne Plastikschoner verpackt. Helm und Schlagstock sind am Brustschild befestigt. Dahinter, in Höhe des Gedenksteins für die Opfer der Außenstelle Mittweida des KZ Flossenbürg sammeln sich die Demonstranten. Wenige von ihnen sind älter als 25, es sind wenige Studenten dabei. Viele sind extra angereist. Die meisten ganz in schwarz gekleidet, etliche mit dunkler Sonnenbrille. Schwarz-rote Anarchie-Fahnen wehen, schwarze Fahnen mit der Aufschrift "Gegen Nazis" und eine Israel-Flagge. Vom Dach eines weißen Transporters, hämmert aus vier Boxen laute Crossover-Musik. Mit Zeilen wie "Good Night White Pride".

Etwas abseits, weiter die Straße hoch stehen einige Anwohner vor ihren Häusern. Neun Männer und vier Frauen. Eine Frau lehnt mit verschränkten Armen an der Wand. Manche haben sich Gartenstühle mitgebracht. Die Männer trinken Bier oder Kaffee und beäugen die jugendlichen Eindringlinge.

"Nazis sind hier Alltag", "Naziterror in der Region", hallt es vom "Lauti", dem Lautsprecherwagen, zu ihnen hinauf. Von der Mitverantwortlichkeit des Oberbürgermeisters und des Landrats und deren Alibi-Projekten ist die Rede. Die Schaulustigen scheint das wenig zu interessieren. Normalerweise ist hier nichts los, aber jetzt sind alle neugierig, weil die Demonstranten da sind.

Mittweidas CDU-Oberbürgermeister Matthias Damm, der sich "Ende der 90er für die Schließung von Mittweidas alternativem Jugendzentrum eingesetzt hat", ist nicht vor Ort. Er ist damit beschäftigt bei der Freiwilligen Feuerwehr das Fass anzustechen - zur Einweihung des Gerätehauses. Zuletzt hat er eine Initiative für ein Weltoffenes Mittweida ins Leben gerufen. Von der Demo hatte er sich distanziert, nachdem der Name in "Naziterror stoppen - Alternative Freiräume schaffen" geändert wurde. Einladungen, dennoch an der Kundgebung teil zu nehmen, lehnte er immer wieder ab.

Kapuzen und Sonnenbrillen sind erlaubt

Ein Redner verliest mehrere Wortbeiträge. Um kurz nach drei startet der Zug. Die Ordner machen noch mal auf das Vermummungsgebot aufmerksam. "Kapuzen und Sonnenbrillen sind erlaubt, Schals vor Mund und Nase sind verboten!" Die Aufstellung wirkt einstudiert: Vorneweg eine im Vergleich viel zu kleine Gruppe aus vielleicht 50 Studenten und Anwohnern, die sich in dem Meer aus Schwarz wahrscheinlich nicht wohl gefühlt hätte; dann folgt eine Kette aus Polizisten, dahinter auf der Straße die rund 2 000 Demonstranten, auf beiden Seiten von der Polizei eskortiert. Die Sprecher am Mikrofon werden an diesem Nachmittag nicht mehr aufhören zu reden, über No-Go-Areas, das System, die "unerträgliche Situation in Mittweida", darüber, dass fremdenfeindliche Taten von der Polizei gar nicht oder nicht hartnäckig genug verfolgt werden. Der Lautsprecher pfeift.

Umgeben von jungen Polizisten und Polizistinnen ziehen sie los durch die verlassenen Backsteinstraßen. 440 Beamte sind heute im Einsatz. Einige filmen oder machen Fotos. "Kameramann, du Arschloch", schreien ihnen ein paar Demonstranten zu. Die am Rand laufen tragen Banner, "Kein Frieden mit Deutschland" steht auf ihnen und "Nazis entgegetreten".

Als die Menschenmenge das gelbe Haus in der Heinrich-Heine-Straße passiert wird es laut. Die Leute johlen und pfeifen. "In diesem Haus wohnen Nazis", feuert die Sprecherin über die Boxen die Masse an. "Wir kriegen euch alle" hallt es durch die Straßenschlucht. Die Fenster bleiben leer, es kommen keine wütenden Glatzen zum Vorschein, also zieht man weiter. Der Tross biegt in die Leisniger Straße ein. Auch vor der Kneipe in der Nähe sollte es ein Pfeifkonzert geben, aber als die Stimme aus den Lautsprechern auf den "Nazitreff" hinweist, ist der Großteil längst daran vorbei. "Beim nächsten Mal klappt das besser", verspricht sie.

Sonnenstraße, kurz vor vier. "Am Kaufland sitzen ein paar Nazis im Gebüsch", warnt die Sprecherin die Gruppe. Im Vorfeld der Demo hatte es 24 Gewahrsamnahmen im rechten Milieu gegeben. "Die wollten die Demo stören", so Frank Fischer, Polizeisprecher der Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge. Als die Stelle erreicht ist, kann man in sicherer Entfernung und von Büschen geschützt ein paar Rechte entdecken. Jemand ruft: "Kommt doch, ihr Feiglinge!" Passieren tut nichts.

Ein paar Straßen weiter gibt es dann wieder eine Kundgebung. Neben der Bernhard-Schmidt-Grundschule mit den bunten Schmetterlingen und Blumen aus Papier an den Fenstern. Betroffene aus der Region schildern ihre Erlebnisse. Ein Jugendlicher beklagt das "Paktieren der Polizei mit den Rechten" in seinem Heimatort. Der Mann von der Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt sagt, dass die Zahl rechtsextremistischer Gewalttaten von 2005 auf 2006 um "fast ein Viertel" gestiegen ist. Von 168 auf 208. Pro Woche gäbe es in Sachsen zirka vier Übergriffe, mit Sachsen-Anhalt liege der Freistaat damit bundesweit an der Spitze. Besonders prangert er die "dramatische Steigerung" in Mittweida an. 2006 hat es mindestens 41 Straftaten mit rechtem Hintergrund gegeben, 22 meist junge Menschen wurden verletzt.

Die Bewohner der Plattenbauten stehen zwischen den Blumenkästen ihrer Balkons und gucken. Der Aufmarsch der Linken scheint eine willkommene Abwechslung zu sein. Ein dicker Mann im Unterhemd lehnt mit den Armen auf dem Fensterbrett, viele fotografieren mit ihrem Handy oder halten die Videokamera raus. Bis auf einen alten Mann applaudiert niemand in die Plattenbauschlucht hinunter, seine Frau steht teilnahmslos daneben.

Aufregung in der Lutherstraße

In der Lutherstraße herrscht plötzlich Aufregung. Die Formation wird gestoppt, ein Trupp Polizisten stürmt in die Menge. Zwei Aktivisten haben Aufkleber an die Laternenmasten geklebt, sofort sind sie von acht Polizisten umstellt. Der eine Übeltäter, schwarzer Kapuzenpulli, rote Haare, hebt beschwichtigend die Hände, um die Kampfpanzer um ihn herum zu beruhigen. Die Menge protestiert. Die Frau am Mikro fragt, ob die Polizei nichts besseres zu tun hätte in der Gegend. Nach kurzem hin und her kann es weiter gehen. Am Ende des Tages wird es drei Gewahrsamnahmen aus dem linken Spektrum geben.

Auf dem Marktplatz dann erneut eine Kundgebung. Doch zuvor muss noch das Stadtoberhaupt das Feld räumen. Es macht das Gerücht die Runde, die Sicherheit des Rathauschefs, der inzwischen doch den Weg gefunden hat, könne nicht gewährleistet werden. Ein Missverständnis wie der Organisatoren der Demo, der PDS-Bundestagsabgeordnete Michael Leutert, im Gespräch erklärt, allerdings erst nachdem er dem MDR wenig öffentlichkeitswirksam "kein Kommentar" in die Kamera gebellt hat. Nachdem der Oberbürgermeister sich von seinem eigenen Marktplatz verzogen hat ("Wenn meine Sicherheit nicht gewährleistet ist, muss ich hier nicht den Helden spielen."), geht es wieder um die Schaffung eines neuen alternativen Jugendzentrums, rechte Gewalt und die üblichen Forderungen der Autonomen.

Gegen fünf geht es zurück in Richtung Bahnhof, wo die Versammlung aufgelöst werden soll. An der Eisdiele unterwegs kaufen sich ein paar Demonstranten ein Eis, mittlerweile ist die Sonne wieder rausgekommen. Die Einsatzkräfte schwitzen unter ihrer schweren Montur. Die Menge ruft: "Bürger lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Demo ein!" Auf dem Weg zum Bahnhof kommt es noch zu einem kurzen Handgemenge zwischen einzelnen Demonstrationsteilnehmern und Polizeibeamten.

Um halb sechs ist das Spektakel vorbei. Es verlief friedlich und ohne größere Zwischenfälle. Fast wie der Junge aus dem Zug vorausgesagt hatte. Hinter dem abbruchreifen Fabrikgebäude in Bahnhofsnähe, wo "Gegen Kinderschänder" an die Wand gesprüht ist, löst die Polizei das Ganze auf. Verletzte gab es keine. Die angereisten Demonstranten werden noch zu den Gleisen gebracht. Dann herrscht wieder Ruhe.


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