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Dienstag, 17. Juli, Alter: 5 Jahre » Zurück

Von: David Hofmann

70 Prozent der Nutzer bemängeln schlechte Untertitel

Gehörlose und Fernsehen

In Deutschland leben rund 200 000 Menschen mit Hörschäden. Sie informieren sich gerne aus dem Fernsehen, doch gerade hier gibt es wenige Angebote. Im Internet entstehen populäre Alternativen - unter anderem bei Youtube.

Untertitel im TV

Hilfreich, aber leider noch zu selten - Untertitel im Fernsehen. (Foto: David Hofmann)

Eine aktuelle Online-Umfrage der Universität Heidelberg hat die Mediennutzung von Gehörlosen analysiert. Dabei lag der Schwerpunkt der Studie vor allem auf den in den elektronischen Medien eingesetzten Hilfsmitteln zur Visualisierung auditiver Inhalte.

Für Gehörlose und stark schwerhörige Menschen ist die Gebärdensprache das primäre Kommunikationsmittel. In Deutschland gibt es zirka 80 000 Gehörlose und ungefähr 120 000 Schwerhörige. Für taube Menschen sind akustische  Medien nicht nutzbar, es sei denn, die Informationen werden durch visuelle Hilfen zugänglich gemacht.

So werden im Fernsehen Untertitel oder eingeblendete Dolmetscher eingesetzt. Allerdings nur von den Öffentlich-Rechtlichen. Bei den privaten Sendern, mit Ausnahme von Pro Sieben, gibt es diesen Service nicht. Deswegen setzt sich der Deutsche Gehörlosen Bund (DGB) für barrierefreie TV-Sendungen ein. Er beruft sich dabei vor allem auf eine Vereinbarung im Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen. Demnach sollen Verbände und Unternehmen untereinander die Vereinbarungen zur Gestaltung verhandeln.

 

Franziska Blessing, Hörpädagogik-Studentin an der Universität Heidelberg, führte Anfang des Jahres eine Untersuchung durch, in der Hörgeschädigte über die Qualität der im Fernsehen eingesetzten Untertitel und Dolmetscher befragt wurden. Insgesamt nahmen 1 980 Gehörlose an der Erhebung teil. Für 46 Prozent ist das Fernsehen das wichtigste Medium zur Informationsbeschaffung gefolgt vom Internet mit 36 Prozent. Wird aber der Nutzen der einzelnen Medien analysiert, dann liegt das Internet mit 46 Prozent  noch vor dem Fernsehen.

Lindenstraße beliebteste Sendung

Die Umfrage betrachtete auch den Fernsehkonsum der Hörgeschädigten. Demnach gehört die ARD, gefolgt vom ZDF und Pro Sieben, zu den beliebtesten Fernsehsendern. Die am meisten genannte Fernsehsendung ist die Lindenstraße (300 Nennungen). Interessant ist, dass die Tagesschau auf Phoenix mit Dolmetschereinblendung kaum angeschaut wird. Sie wurde lediglich fünf Mal genannt.

Untertitel sind wichtig für Menschen mit Hörschäden. 69 Prozent der Befragten gaben an, dass sie nur dann fernsehen, wenn Untertitel angeboten werden. Einblendungen von Gebärdendolmetschern spielen dagegen eine weit aus geringere Rolle. Etwa ein Drittel sehen sich auch Sendungen ohne diese Übersetzung an, oder es ist ihnen egal.

Nur zwei Prozent gaben an, alles ohne Tonsubstitution zu erfassen. Werden jedoch Untertitel verwendet, verstehen mehr als die Hälfte die Thematik. Auch im Bereich Verständnis ist die Effektivität von Dolmetschereinblendungen längst nicht so gut wie die der Untertitel. Nur für ein Viertel der Gehörlosen erschließt sich durch einen Dolmetscher der gesamte Inhalt. Ursache hierfür sind starke regionale Unterschiede in der Gebärdensprache.

Inhalte gekürzt und lückenhaft

Die in Deutschland angebotenen Untertitel finden 70 Prozent der Nutzer verbesserungswürdig. Größte Kritikpunkte sind sowohl die Quantität als auch die Qualität der Untertitel. So wird der Inhalt als zu gekürzt und lückenhaft empfunden. Oft fallen Wörter oder Sätze komplett aus. Deshalb fordern viele Gehörlose eine Eins-zu-Eins-Übersetzung der Audioinformation. Für sie bedeutet der Informationsmangel durch fehlende Untertitel einen Ausschluss aus der Gesellschaft.

In der Bundesrepublik Deutschland werden Untertitel über den Teletext wiedergegeben. Dabei handelt es sich um geschlossene Untertitel, also extra zuschaltbare. Offene Untertiteln dagegen sind permanent zu sehen. Diese werden zum Beispiel als Stilmittel in einem Science-Fiction-Film eingesetzt, wenn der Regisseur möchte, dass Außerirdische ihre eigene Sprache sprechen.

 

Fertig produzierte Sendungen werden vor der Ausstrahlung von einem Untertitler bearbeitet. Rolf Monitor, Untertitler beim WDR, erklärte gegenüber dem "LB Magazin" worauf es dabei besonders ankommt: "Ich übersetze die Texte ins Untertitelformat, kürze sie, vereinfache den Satzbau und konzentriere den Inhalt." Die Textmenge, die ein Untertitel enthält, erzwinge eine Verdichtung, da der Zuschauer sonst am Ende langer Sätze nicht mehr wisse, wie sie angefangen haben, so Monitor.

Um eine Sendung zu übersetzen wird meist die Magnetaufzeichnung, kurz MAZ, untertitelt. Die Timecode-Information der MAZ dient zur Steuerung des Untertitel-Rechners. Das Verfahren garantiert den synchronen Ablauf von Bild und Text selbst dann, wenn in letzter Minute noch etwas umgeschnitten wird.

Viel schwieriger aber ist das Schreiben von Untertiteln für Live-Sendungen. Rolf Monitor: "Live-Untertitelungen sind erst recht Stress." Gleichzeitig hören, formulieren und schreiben, das könne man nur zu zweit machen und nach 20 bis 30 Minuten lasse die Konzentration nach.

Während in Deutschland nur die Öffentlich-Rechtlichen und Pro Sieben Sendungen untertiteln lassen, sieht die Situation im Ausland etwas anders aus. In den USA etwa sind "closed captions" für jede seit 1998 produzierte Sendung vorgeschrieben. Des Weiteren wird die Information dort nicht via Teletext übermittelt, sondern über eine eigene Zeile des NTSC-Signals, dem Farbübertragungssystem in Nord-, Zentral- und einigen Ländern Südamerikas. Die Untertitel sind weniger gekürzt und lassen sich auch in verschiedenen Varianten anzeigen. Die Einhaltung der Regeln wird strikt von der FCC, der US-amerikanischen Zulassungsbehörde für Kommunikationsgeräte, überprüft.

Youtube als Kommunikationsplattform für taube Menschen

In den USA benutzen Gehörlose und Schwerhörige nun auch ein anderes Medium intensiv. Auf der Video-Plattform "Youtube" gibt es etwa 6 100 Videos in American Sign Language (ASL). ASL ist die dominierende Gebärdensprache in Nordamerika sowie in einigen Ländern der Karibik und Afrika. Auf "Youtube" berichten Hörgeschädigte über ihr Leben, erklären Fachbegriffe, tragen Lieder vor oder erzählen Geschichten. Die Webseite ermöglicht Gehörlosen mit anderen Gehörlosen zu kommunizieren und Erfahrungen auszutauschen. Durch das Internet sind diese Informationen weltweit abrufbar.

In Deutschland wird diese Form der Kommunikation noch kaum genutzt. Viel beliebter ist hier die Sendung "Sehen statt Hören" des Bayrischen Rundfunks. Die Fernsehsendung ist speziell auf Gehörlose und Schwerhörige zugeschnitten, und die einzige dieser Art in der BRD. Einmal in der Woche führt Moderator Jürgen Stachlewitz, selbst gehörlos, die Zuschauer mit Gebärden und Untertitel durch das 30-minütige Programm. Die Sendung wird bereits seit 1975 ausgestrahlt. Die Umfrage von Franziska Blessing ergab, dass sich 75 Prozent der Gehörlosen mehr Sendungen dieser Art wünschen, auch wenn nur mehr als die Hälfte die Sendung regelmäßig sieht. Ein Grund dafür ist die ungelegene Sendezeit von "Sehen statt Hören". Das Magazin wird meist am frühen Morgen oder am Vormittag, zur Arbeitszeit, gesendet.

Zusammenfassend lässt sich erkennen, dass die Informationsversorgung von Gehörlosen in Deutschland, insbesondere durch das Medium Fernsehen, noch nicht optimal ist. Es gibt nur eine TV-Sendung für Gehörlose und Tonsubstitutionen werden nur in einem geringen Umfang angeboten. Besonders bei den privaten Sendern besteht großer Nachholbedarf.



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