Von: Mathias Schaefer
Hackerangriffe aus China
Ein Denken wie im Kalten Krieg
Erst kürzlich wurden Hackerangriffe auf Regierungsrechner in Deutschland, Großbritannien und den USA gemeldet. Drahtzieher scheint das chinesische Militär zu sein. Doch Chinas Regierung weist jede Schuld von sich und sieht sich selbst als Opfer von Cyberattacken.
Das Problem der Spionageangriffe aus dem Reich der Mitte ist nicht neu. Westliche Unternehmen klagen schon seit längerem über Ideenklau durch chinesische Hacker. Auch westliche Regierungen beobachten seit Jahren eine Zunahme von gezielten Spionageangriffen aus Fernost.
Anfang September wurde aus den USA gemeldet, dass es dem chinesischen Militär gelungen sei in Rechnersysteme des Pentagon einzudringen. Dabei wurde unter anderem der Rechner von Verteidigungsminister Gates zum Absturz gebracht. Rund 1 500 mit chinesischen Trojanern infizierte Computer mussten infolge dessen eine Zeit lang vom Netzwerk getrennt werden. Die Angriffe hätten aber laut Financial Times bereits im Juni dieses Jahres stattgefunden. In den USA werden solche Aktivitäten seit 2003 beobachtet. Die gesammelten Daten, unter dem Codenamen "Titan Rain" zusammengefasst, dokumentieren unzählige Vorfälle.
Kurze Zeit nach den USA meldete auch die britische Regierung, Opfer von chinesischen Hackerangriffen gewesen zu sein. Auch hier handelt es sich nicht um aktuelle Vorfälle, sondern um Ereignisse die teilweise Monate zurückliegen.
In Deutschland wurden Ende August auf Rechnersystemen der Bundesregierung Spionageprogramme chinesischer Herkunft entdeckt. Laut einem Bericht des Spiegel waren neben dem Kanzleramt auch das Wirtschafts- und Forschungsministerium sowie das Auswärtige Amt betroffen. Der Verfassungsschutz vermutet die chinesische Volksbefreiungsarmee und damit den Staat China als Urheber hinter den Spionageaktivitäten.
Ein internationales Problem
Dass die chinesische Regierung etwas mit den Vorfällen zu tun hat, hält Liu Bin von der IT Consultfirma BDA in Peking allerdings für unwahrscheinlich. Gegenüber der Financial Times Deutschland äußerte er, dass das schnelle Auffinden der Spionagesoftware auf den Rechnern des Kanzleramts auf unerfahrene Hacker hindeute, die keine ausgereifte Technik benutzten. Mit derlei unprofessionellen Spionageattacken die guten Beziehungen zu Deutschland zu gefährden, könne seiner Meinung nach nicht im Interesse der chinesischen Regierung liegen. Er vermute eher kommerzielle Interessen dahinter.
Von offizieller Seite wird in China erwartungsgemäß jegliche Schuld von sich gewiesen. Jiang Yu, Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, sprach von einem "Denken wie im Kalten Krieg" bezüglich der Vorwürfe der USA über die Cyberattacken auf das Pentagon. Auch habe China mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. "Hacker sind ein internationales Problem, und China selbst ist häufig ein Opfer", so Yu.
Erst letzte Woche drehte Chinas Vizeminister für Informationstechnologie, Lou Qinjian, den Spieß um und beschwerte sich gar über Spionageversuche aus dem Westen. Die USA würden damit nicht nur Staatsgeheimnisse ausspionieren, sondern auch gezielt das politische System mit Falschinformationen und "degenerierten und rückwärts gewandten" Inhalten unterwandern. Auch warf er amerikanischen IT-Unternehmen vor, mit der Regierung zusammenzuarbeiten und Hintertüren in ihre Softwareprodukte einzubauen, die das Ausspionieren vereinfachten.
Wen Jiabao, chinesischer Ministerpräsident, zeigte sich zu Angela Merkels Besuch in der Volksrepublik Ende August durchaus gewillt, gegen Hacker vorzugehen. Er sagte nach dem Gespräch mit Merkel, dass die chinesische Regierung diesem Thema große Aufmerksamkeit beimesse und entschlossen sei, zusammen mit anderen Regierungen "tatkräftige Maßnahmen" zu ergreifen.
Elektronische Dominanz im Konfliktfall
Laut Spiegel Online ist allerdings von diesen Versprechungen wenig zu halten. Denn bisher habe sich, trotz häufiger Bekundungen Chinas gegen Cyberkriminalität vorzugehen, wenig getan. Dies dürfe noch schwieriger werden, wenn die Angriffe wirklich wie vom Verfassungsschutz vermutet, aus Kreisen der chinesischen Armee oder gar des Staatssicherheitsdienstes stammen. Auf deren Machenschaften habe die Pekinger Zentralregierung längst keinen Einfluss mehr.
Vor diesem Hintergrund fällt es schwer daran zu glauben, dass in nächster Zeit die Spionageversuche eingestellt oder zumindest eingedämmt werden können. Laut einem Bericht der Londoner Times werden in China gar Pläne für das Erreichen einer "elektronischen Dominanz" über andere Industriestaaten ausgearbeitet. So will das chinesische Militär bis zum Jahr 2050 dem Gegner im Konfliktfall informationstechnisch überlegen sein und durch gezielte Cyberattacken dessen Wirtschafts - und Kommunikationskapazitäten schwächen.
Dass derartig futuristisch anmutende Kriegsmethoden längst nicht mehr nur Inhalt von Science-Fiction-Romanen sind, dürfte seit den Ereignissen in Estland im Mai dieses Jahres bekannt sein. Im Zuge eines Streits um die Verlegung eines russischen Kriegsdenkmals aus Tallins Innenstadt in einen Randbezirk kam es zu den bislang heftigsten Hackerangriffen der Geschichte. Mehr als 20 Tage lang wurden Rechner der Regierung und anderer öffentlicher Organisationen mit unzähligen sinnlosen Anfragen bombardiert. In Folge der Überlastung kam das gesamte estnische Netz zum Erliegen. Die Schäden gingen in die Millionenhöhe. Über die Initiatoren des virtuellen Angriffs auf ein ganzes Land herrscht immer noch Unklarheit.
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