Von: Claudia Maehler
Eine Bilanz über die Medienberichterstattung zum 9. Oktober 1989
Was am Ende übrig bleibt
Nun ist der Tag, der als Wendpunkt in der jüngsten deutschen Geschichte gilt, wieder um ein Jahr in die geschichtliche Vergangenheit gerückt. Inwieweit der 9. Oktober 1989 in Vergessenheit gerät oder Feierlichkeiten zu dessen Erinnerung in die Höhe gelobt werden ist schwer nachvollziehbar.
Die Meinungen jedenfalls gehen dabei stark auseinander. Und selbst die Erwähnung des historischen Datums in der Tagesschau der ARD und vielen überregionalen Zeitungen hilft nicht darüber hinweg, dass vor allem junge Menschen fragend schauen, wenn der 9. Oktober 1989 zur Sprache kommt. Der folgende Beitrag beleuchtet die mediale Berichterstattung rund um das 18-jährige Jubiläum und lässt unterschiedliche Meinungen und Personen, die unmittelbar mit dem Tag in Verbindung stehen, zu Wort kommen.
Rolle des Datums in der Presse
Trotz aller Differenzen – einen gemeinsamen Nenner gibt es doch: die Berichterstattung in den Medien wird von allen Seiten als deutlich besser im Vergleich zu Vorjahren eingestuft. So ist der 9. Oktober in diesem Jahr auch in den meisten Tageszeitungen und Publikumszeitschriften Thema gewesen.
Die Süddeutsche Zeitung stellt im Feuilleton sehr treffend gleich zu Anfang fest: "Nein, der 9. Oktober ist nicht vergessen". Dennoch scheine aber die Bedeutung des Datums nicht recht begriffen zu sein, urteilt die Süddeutsche Zeitung weiter, denn auf der Großdemonstration in Berlin am 4. November 1989 wirken die Menschen viel fröhlicher und der Mauerfall emotional viel ergreifender – und somit willkommener für Medien und Gesellschaft. "Man sollte auf keinen Fall vergessen, dass kein anderer Tag in der jüngeren deutschen Geschichte so explizit für Freiheit und Gewaltlosigkeit steht", betont der Autor. Sonst drohe eine "Verniedlichung zur lokalen Angelegenheit", wie zum Beispiel die Umbenennung von Straßenplätzen in Leipzig.
Auf den 9. Oktober gehen auch Der Spiegel, Die Zeit, die Welt und die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihren Online-Angeboten ein. Dabei muss sich der Leser allerdings meist mit einem geschichtlichen Abriss begnügen. Dass in der Leipziger Volkszeitung dieser Tag einen Schwerpunkt darstellt, ist nicht nur logisch, sondern auch erforderlich. Allerdings wird gleich im Leitartikel davor gewarnt, dass der 9. Oktober 1989 zunehmend in Vergessenheit gerät. Auch der Unmut der Leipziger Bürger nach dem Motto: "Dafür sind wir damals nicht auf die Straße gegangen", scheint immer lauter zu werden. Laut Leipziger Volkszeitung sei es jedoch eine politische Aufgabe, die Erfahrungen dieses Tages wach zu halten. Mit dieser Aussage entschuldigt, kann dann im Lokalteil getrost eine 18-Jährige vorgestellt werden, die genau an diesem Tag Geburtstag hat. Dass die meisten ihrer Freunde sicherlich nicht wissen, was es noch mit diesem Datum auf sich hat, scheint kein Grund zu Beunruhigung zu sein.
Begeisterung - und Warnung vor dem Vergessen
Christian Führer, Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig, in der die Montagsgebete stattfanden, zeigt sich begeistert von der medialen Berichterstattung. Führer gilt als bedeutender Initiator der Monatgsgebete und –demonstrationen und somit als Galionsfigur der Friedlichen Revolution in Leipzig. "Etwas besseres als in den 20 Uhr - Nachrichten der ARD erwähnt zu werden, kann man gar nicht erwarten". Der Pfarrer zeigte sich überwältigt von der Präsenz der Medien vor Ort. "Durch Genschers Auftritt hat dieser Tag eine neue Qualität bekommen. Auch Die Zeit war vor Ort". Im Vergleich zu vergangenen Jahren erachtet er die Berichterstattung in den Medien als überragend.
Roland Stratz, Projektmanager der Marketing Leipzig GmbH, war am 9. Oktober 2007 auf dem geschichtsträchtigen Nikolaikirchhof in Leipzig zugegen. Auch er bestätigt einen enormen positiven Zuspruch. "Im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 90 Prozent", so Stratz zu den Geschehnissen vor Ort. Zudem stellte er eine hohe mediale Präsenz auch im Vorfeld des Jubiläums fest. Für die kommenden Jahre wünscht er sich vor allem von der Berichterstattung, dass auch die Veranstalter genannt werden. Darüber hinaus sollte der Tag über das gesamte Jahr hinweg Erwähnung finden.
Etwas skeptischer zu den Geschehnissen rund um den 9. Oktober 2007 zeigt sich Martin Jankowski. Der Schriftsteller gestaltete die Friedensgebete 1989 mit und ist Autor der Buches "Der Tag, der Deutschland veränderte – 9. Oktober 1989". Mit der Berichterstattung in den Medien zeigte er sich "relativ zufrieden", dennoch empfindet er "zwei Minuten Tagesschau und Beiträge in der Leipziger Volkszeitung nicht genug". Auch wenn die Aufmerksamkeit in den Medien stärker als sonst war – sie müsse weiter gesteigert werden, da das Thema sonst in Vergessenheit gerate. Jankowski wünsche sich "einen Dokumentarfilm zu diesem historischen Datum 20:15 in der ARD und eigene Lehrbuchseiten für den 9. Oktober 1989 in den Geschichts-Schulbüchern". Nur so könne seiner Ansicht nach die Gesellschaft ausreichend für das Thema sensibilisiert werden. "Dieser Tag ist der Boden unter unseren Füßen – er trägt uns, aber wir sehen ihn nicht."
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