Zu Favoriten hinzufügen


Donnerstag, 15. November, Alter: 2 Jahre » Zurück

Von: Tina Soltysiak

Matthias Adrian: Ein Ex-Nazi erzählt

"Meine Mutti hatte mich lieb"

Matthias Adrian kam schon im Alter von neun Jahren in Kontakt mit rechtsextremem Gedankengut. Gerade Volljährig wird er NPD-Mitglied. Drei Jahre später steigt er aus und engagiert sich seither als Referent bei der Aussteigerinitiative EXIT. Gestern Abend war er in Mittweida.

Matthias Adrian

Matthias Adrian im Gespräch in der Alten Brauerei Mittweida. (Foto: Michael Husner)

Schnee fällt in Mittweida. Es ist ungemütlich draußen. Dennoch fanden viele, vor allem junge Leute, den Weg in die Alte Brauerei, um dem Vortrag von Matthias Adrian, einem Aussteiger der rechtsextremen Szene zu lauschen. Der Platz an den Tischen reicht nicht aus, Stühle werden rangeschafft, die Organisatoren - die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, die Stadt Mittweida und die Hochschule Mittweida – zeigen sich positiv überrascht.

In einigen Gesichtern sieht man fragende, ja gar suchende Blicke. Wer von denen, die da vorn in der Nähe des Rednerpultes stehen, wird es wohl sein? Keiner entspricht vom Aussehen her dem allgemeinen Bild eines "Nazis". Schnell wird klar, Matthias Adrian ist kein "Klischeenazi", wie er selbst sagt. Er sei ein "normaler Wessi ohne Osthintergrund". Aufgewachsen in der hessischen Provinz in einer ländlich-geprägten Großfamilie, sozial nicht vereinsamt, von seiner Mutti geliebt, hat er eine Ausbildung zum Bäcker und eine zum Dreher abgeschlossen. Er war Abteilungsleiter in einer Bäckerei und nach eigenen Angaben keinen Tag arbeitslos.
Was also treibt einen jungen Menschen dazu sich einer, wie er es heute bezeichnet, "dynamischen Glatzenkombo" anzuschließen?

Erster Kontakt mit der Hitler-Zeit

Seine Eltern und Großeltern seien "viel zu katholisch" gewesen, um ins NS-Regime abzudriften. In seinem Heimatdorf Bürstadt, in der Nähe von Worms, gab es zur Zeit des Dritten Reichs keine Hitler Jugend (HJ) und auch so kaum Präsenz der Nationalsozialisten, weshalb seine Vorgängergenerationen innerhalb der Familie auch nie wirklich Negatives aus dieser Zeit zu berichten hatten. Im Gegenteil, der Dorfpfarrer war aus Dachau entlassen worden, also konnte das Ganze ja "nicht so schlimm" gewesen sein.

In der dritten Klasse änderte sich der Tenor. Zur damaligen Zeit setzte man auf die Schockpädagogik: "Möglichst viele Leichenberge in möglichst kurzer Zeit." Dies verwirrte den damals Neunjährigen – er stand im Konflikt zwischen den Aussagen seines Großvaters und denen des Lehrers. Mit zwölf Jahren bekam er erstmals die "Deutschnationale Zeitung" (DNZ) in die Hände. Die darin abgedruckten Front- und Erlebnisberichte aus dem II. Weltkrieg faszinierten den Heranwachsenden. Sein daraus gewonnenes Weltbild kollidierte mit dem, was ihm in der Schule vermittelt wurde.

Mit 14 verteilte er, auf der Suche nach Gleichgesinnten, an seiner Schule, dem Geschwister–Scholl–Gymnasium Benzheim, ein selbstgebasteltes Flugblatt – mit Parolen und Bildern aus der DNZ. Doch auch an der neuen Schule, die er daraufhin besuchen musste, fand er schnell Anschluss in der "Bombergang". Einer Gruppe von "Mopedprolls", die zum cool sein Springerstiefel trugen, ein Monstershirt, die grüne Bomberjacke mit dem Aufnäher "Ich bin stolz ein Deutscher zu sein" darüber, auf dem Kopf eine "VoKuHiLa-Rudi-Völler-Gedächtnis-Matte" und die Musik von den "Ärzten" hörte. Zusammen führten sie diverse kleinere Aktionen durch: Übten das ausheben von Gräben - "für den nächsten Krieg". Sie verbrannten Wahlplakate. Doch all diese Handlungen waren zwar spaßig, den Jungs aber nicht Protest genug, da sie kaum Beachtung fanden. Eine Sprayaktion musste her, denn das war damals groß in Mode. Man übte erstmal, um sich nicht zu blamieren. Das Ergebnis war katastrophal: einige Mitglieder sprayten Anarchiesymbole, weil sie dachten, es wäre eine rechtsextremes Zeichen; Hitler wurde zu "Hietler". Adrian, der Kopf der Truppe, verteilte dann erst einmal Kärtchen mit allen wichtigen Symbolen. Nach einer gelungenen, größeren Aktion zerbrach die Gruppe, da viele Mitglieder Angst bekamen.

Parteibeitritt mit 18

In den Erzählungen des 30-Jährigen wird immer wieder deutlich, dass viele Jugendliche dieser Zeit eigentlich nur Mitläufer waren. Bomberjacke tragen war zu der Zeit einfach "in". Nicht jeder, der eine trug, identifizierte sich auch mit der Ideologie der Nationalsozialisten.

Doch Adrian wollte mehr wissen, sich politisch engagieren. Er schrieb einen Brief an Frank Rennicke, der sich selbst als "nationaler Barde" bezeichnet, in dem er Infomaterial der NPD anforderte. Es kam ein dicker Brief. Das einzige, was darin nicht enthalten war, war "das rosarote Landser-Freundschaftsbändchen", so Adrian ironisch.

1997 trat er den Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD, in Hessen bei. Dort war er für den Ordnerdienst, später für die parteiinterne Sicherheit zuständig. Er fuhr zu Kundgebungen, verteilte Flugblätter, ging zu Fortbildungen, beteiligte sich an Werbeaktionen für die NPD.

Doch je länger er dabei war, umso mehr fielen ihm Widersprüche auf. Von unwissenden Kameraden und viel Missgunst untereinander war er irgendwann so genervt, dass er aus Protest aus der Partei austrat und alle Ämter niederlegte. Er wollte sich genauer informieren, worauf die Ideologie eigentlich hinaus will und las aus diesem Grund "Mein Kampf". Er empfand das Werk aber eher als eine Mischung aus einem "Kommentar zum Parteiprogramm der NSDAP und der Biografie von Hitler". Er wollte jedoch dem "Kern der Ideologie" näher kommen, woraufhin er das "Standardwerk der Nationalsozialisten" namens "Der Mythos des 20. Jahrhunderts" von Alfred Rosenberg las. Die Lektüre öffnete Adrian die Augen und er kann noch heute nicht verstehen, wie man "so einen Quatsch" glauben konnte. Getreu nach dem Motto "2+2=5 und die Aufgabe wird solange geändert, bis das Ergebnis stimmt". Er konnte diese Weltanschauung nicht länger teilen und "will mit der ganzen Geschichte nichts mehr zu tun haben".

Matthias Adrian heute

Bei einer seiner nächsten Verhaftungen in Anschluss an eine Hausdurchsuchung sagte er über all seine Straftaten aus, ohne dabei jedoch Mitglieder zu denunzieren.
Damit war der endgültige Ausstieg aus der rechtsextremen Szene vollzogen. Das war im Januar 2000. Heute spricht er ganz offen und auch mit viel Ironie über sein Leben. Er engagiert sich als Referent bei der Aussteigerinitiative EXIT, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Aussteigewillige zu unterstützen, aber auch zu schützen. Außerdem steht er Parteien beratend zur Seite und gibt "Insidertipps".

Beim Blick auf die Uhr ist man erstaunt – über zwei Stunden Vortrag sind vorbei. Doch die Zeit verging wie im Flug. Adrian versteht sich auf das Reden. Im Anschluss war Raum für Fragen. Die Antworten darauf werden im Folgenden sinngemäß wiedergegeben.

Bist du nach deinem Ausstieg bedroht worden?

Da ich in Rheinland Pfalz ausgestiegen bin, gab es "nur" verbale Drohungen. Renninger schrieb mir einen Schmähbrief, ich erhielt zahlreiche Anrufe mit Todesdrohungen. In einem Internetportal war ein Steckbrief von mir mit Adresse und Telefonnummer abrufbar. Den Ausstieg mental zu verkraften war schwer. Ich hatte 24 Jahre an etwas geglaubt, was "absolut menschenverachtend" ist. Mit jedem Schritt raus wächst das Bewusstsein, dass es falsch war. Nach meinem Prozess besuchte ich die jüdische Gemeinde in Mainz, um das Gespräch zu suchen, mich zu entschuldigen. Ein Besuch in Auschwitz war für mich "unerträglich".

Wie war die Reaktion deiner Eltern und deiner Umwelt?

Es war gestaffelt. Je nachdem inwieweit ich in der Sache involviert war. Als ich mich zu Beginn für den Frontverlauf interessierte, hieß es: "Der Bub, der kennt sich aus!" Als ich mich von den Klamotten her anpasste und das erster Mal in der Bildzeitung abgebildet war: "Um Gottes Willen, was sollen die Nachbarn denken?" und nach meinem Ausstieg sagte meine Oma: "Siehst Bub, wir hams dir gesagt, das bringt alles nix!"

Gibt es Argumentationsmöglichkeiten gegenüber Rechtsextremen?

Wenn das Weltbild Risse bekommt, dann bekommt man einen Fuß in die Tür. Bei der Prävention ist es jedoch der falsche Ansatz, alles zu dämonisieren, es als "das Böse" hinzustellen, denn das zieht Jugendliche eher an, als das es abschreckt. "Wenn jemand sechs Millionen Menschen ermordet, kann er keiner von den Guten sein." Man sollte besser die Fakten für dich selbst sprechen lassen. Auch der Ansatz der Schockpädagogik, wie ich es erfuhr, ist falsch. Besser ist der heutige Ansatz: Filme wie "Der Untergang“ tragen eher zur Prävention bei. Das Hauptproblem ist die extreme Überzeugung der Szene. Diese Überzeugung muss man versuchen anzukratzen. Dann hat man vielleicht eine Chance.

Sicher hätte man noch viele weitere Fragen stellen können, doch man musste das Gesagte erst einmal verarbeiten. Hörte man Matthias Adrian reden, so konnte man sich schwer vorstellen, dass er mal ein engagiertes NDP-Mitglied war. Umso besser, dass er sein Engagement jetzt gegen die Szene richtet. "Jeder intelligente, denkende Mensch sollte das Recht haben, seine Meinung zu ändern." Hoffentlich denken noch viele in der Szene Involvierte so wie Adrian und bringen den Mut auf, das Propagierte kritisch zu hinterfragen.



» Zurück
Footer