Von: Ester Then
Akademischer Dialog zum Thema: Zeitung 2.0
"Leser ignorieren wertvolle Informationen"
Die Zeitung verliert immer mehr an Bedeutung. Ein Grund dafür ist die Tendenz, alle Berichterstattungen gleich zu gestalten, statt die persönlichen Wünsche der Leser zu berücksichtigen. Dem gegenüber entsteht die Zeitung 2.0, die auf Individualität setzt. Klaus Gradischek stellte dieses Konzept vor.
"Die Leser heute werden mit immer mehr Informationen zugeschüttet", erklärte Gradischek. Die Medien bieten eine große Fülle an Informationen, die kaum mehr komplett wahrgenommen wird. Dieser "Informationsoverflow" führe dazu, dass die Menschen geistig abschalten und "wertvolle Informationen ignorieren". Die junge Generation greife sogar oft gleich auf das Internet zurück, ohne Zeitungen zu kaufen. Dies sei verständlich, so Gradischek, stellen doch viele Zeitungen ihre Inhalte sowieso kostenlos zur Verfügung.
Was also tun, wenn die Printausgaben nicht mehr gelesen werden, und das Internet kaum Gewinn bringt? Auf diese Frage hofft Klaus Gradischek eine Antwort gefunden zu haben.
Typenlehre in der Zeitung 2.0
Zusammen mit den Hochschulen aus Mittweida und Erlangen-Nürnberg sowie der TU Chemnitz entwickelte er die Zeitung 2.0. Diese verbindet die beiden Komponenten Print und Internet. Zunächst muss man sich im Internet anmelden und die 16 Fragen beantworten, die zum Herausfinden des Persönlichkeitsprofils dienen. Nach der Typenlehre von Carl Gustav Jung gibt es drei Arten von Menschen: den Dynamiker, den Logiker und den Sympathiker. Diese Menschen verfolgen jeweils unterschiedliche Ziele mit dem Lesen einer Zeitung. Für den Dynamiker sind Texte gut, die knapp gestaltet sind, ohne Ausschmückungen und nur das Wichtigste beinhalten. Ganz anders ist der Logiker. Seiner Art entspricht es, sich sehr tief in ein Thema einzuarbeiten und er will möglichst alle, vor allem auch praktische, Informationen zu einem Gebiet. Der Einzige, der für Ausschmückungen und Ausführungen spricht, ist der Sympathiker. Er mag zwischenmenschliche Informationen, Prosa und Emotionen. In einer gewöhnlichen Zeitung muss auf alle drei Gruppen geachtet werden und so entsteht ein Mix, der keinem der drei Bereiche wirklich genügt. Die Zeitung 2.0 will an dieser Stelle einhaken und jedem Typ einen individuell geschriebenen Bericht zur Verfügung stellen.
"Der Durchleser"
Das Pilotprojekt "Der Durchleser", soll als Fachzeitschrift im April nächsten Jahres getestet werden. So sucht Gradischek nach Medienstudenten, die bereit sind ihre Bachelorarbeit zu Herausforderungen, die dieses Projekt an die Wirtschaft hat, zu schreiben. Mit diesem Modell müssen neue Methoden der Anzeigenschaltung erfunden werden. Die Anzeigen können schließlich viel zielgerechter gesetzt werden. Neue Preis- und Entlohnungsmodelle sind ebenfalls nötig. Die Zeitung erhofft sich durch die Individualität eine größere Kundenbindung. Außerdem eröffnet es der Marktforschung neue Möglichkeiten, da man genau weiß, was die Leser interessiert. Die Frage, ob diese Zeitung für Redakteure einen größeren Zeitaufwand bedeute, da zu einem Thema zwei Berichte und eine Nachricht geschrieben werden müssten, verneinte Gradischek."Auf den Münchner Medientagen war die Aussage, dass 40 bis 80 Prozent der Artikel die täglich produziert werden, nie veröffentlicht werden", sagte Gradischek. Dies sei hier nicht der Fall, da die Themen vorher feststehen. Somit könnten sich die Redakteure mehr auf einzelne Artikel konzentrieren.
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