Von: Tobias Karth
Kommentar
Der Trick mit der Selbstkritik
Das Zugpferd des Axel Springer Verlags, die Bild Zeitung, gibt sich ungewohnt selbstkritisch. Seit Ende Mai suchte die Bild in einer Online-Umfrage nach 32 Mitgliedern für den zu gründenden Leserbeirat – jeweils zur Hälfte bestehend aus Männer und Frauen.
Mit einem 17 Punkte umfassenden Fragebogen auf bild.de sollte sich der gemeine Bürger für den Leserbeirat bewerben. Einen möglichst breiten Schnitt durch die Gesellschaft wolle die Chefredaktion damit ziehen, heißt es dazu aus dem Springer Verlag. Die gewählten Mitglieder, so heißt es, sollen dann regelmäßig an Redaktionssitzungen teilnehmen, um kritisch über die Inhalte der Bild zu diskutieren und aktuelle Trends und Tipps einfließen zu lassen. Die Bild möchte so noch näher an den Leser rücken. Rund 12 000 Leser haben sich der Befragung gestellt und am 29. wurde das erste Mal in Hamburg getagt.
Zu Recht steht sofort die eine Frage im Raum: Seit wann lässt man bei Axel Springer inhaltliche Kritik zu? Und überhaupt, welcher Sinn soll dahinter stecken 32 Bürger, mit zum größten Teil nicht vorhandener journalistischer Kompetenz, über die Inhalte der Bild Zeitung urteilen zu lassen und Verbesserungsvorschläge zu äußern. Wird die Bild nun fromm, ehrlich und hintergründig? Möchte man weg vom Hau-Drauf-Journalismus und wird der Leserbeirat nun endlich alle Unwahrheiten enthüllen und die Redaktion zum Einlenken zwingen?
Dahinter steckt wohl vielmehr der Versuch die rückläufigen Verkaufszahlen der Bildzeitung noch irgendwie aufzufangen. Im dritten Quartal lag die täglich gedruckte Auflage bei rund 4.4 Millionen Stück dabei verzeichnet Axel Springer bis zu 800 000 Remittenden, also zurückgegebene, nicht verkaufte Zeitungen. Noch vor zwei Jahren wurden am Tag rund 280 000 Zeitungen mehr verkauft. Wenn man einmal genauer hinschaut, riecht das Ganze nach einem schlau angelegten PR-Schachzug. Rund 12 000 Leser beantworteten den Fragebogen. Darunter Fragen zum Kaufverhalten in Bezug auf die Bild Zeitung oder die Frage nach der Anzahl der Mitglieder im Haushalt. Sind Antworten darauf wichtig, um die Qualifizierung für die bevostehenden Aufgaben als Leserbeirat zu beurteilen? Man vermisst eher Fragen wie: "Haben sie schon mal für andere Medien geschrieben?" "Haben Sie bereits redaktionelle Erfahrungen gesammelt? Wo sehen Sie Ihr Spezialgebiet?"
Fazit: Eine kostenlose Umfrage mit 12 000 Antworten – genial! Hinzu kommen unzählige Pressemitteilungen und Beiträge in anderen Medien zu diesem Thema und Unmengen an Schreibstoff zur Verwertung in der Bild und auf Bild.de. Zudem rückt man subjektiv näher an den Leser, in dem man ihn umfassend abbildet und ihn auch noch zu Wort kommen lässt. Die Kraft, die der Leserbeirat hat, hält sich dabei offensichtlich in stark begrenztem Rahmen. Lediglich zwei Mal trifft man sich im Jahr in großer Runde in Hamburg.
Hier wird die Zeitung noch vom Friseur gemacht
"Das gibt’s bei keiner anderen Zeitung in Deutschland", titelte bild.de und meint damit wohl eher die gelungene PR Aktion als den von jetzt an investigativ arbeitenden Stab. Darunter sind ein Schlosser, ein Bankkaufmann, eine Hausfrau sowie eine Friseurmeisterin, ein Richter, ein Betriebswirt und eine Krankenschwester. Zugegeben sind das alles vernünftige Beschäftigungen und im mit viel Wohlwollen auch ein einigermaßen ausgewogener Schnitt durch die Bevölkerung, aber wie qualifiziert sind diese Leute den Wust von Halbwahrheiten und Meinungsmache in der Bild Zeitung zu filtern? Was erwartet man zum Beispiel vom Mitglied Marcel Jentsch, 23 Jahre alt und Bauarbeiter. Seiner Meinung nach stehe "zu viel über Politik" in der Bild. Ja wie jetzt Herr Jentsch? Noch weniger Politik steht nur in kostenlosen "Disko-Blättern" mit diesen berühmten Party-Fotos – die sind dann sogar ganz ohne Text.
Die weiteren Statements auf bild.de sind zumindest eines – witzig. So behauptet zum Beispiel Volkmar Bader, 38, die "Bild ist die beste Zeitung zum Frühstück", und wünscht sich gleichzeitig mehr politische Berichterstattung. Leider gibt Herr Bader keinen Maßstab zur Messung der besten Zeitung an. Isabella Scholz, 21, hingegen findet die Bild-Merchandising-Produkte sehr gut. Sie äußert sich dann aber doch kritisch zum Mondkalender, den sollte man gegen ein normales Horoskop tauschen. Bankkaufmann Martin Blaser, 39, wundert sich über zu wenig finanzpolitische Berichterstattung und möchte solche Themen mehr behandelt wissen. Ob er da nicht mit der Meinung von Hausfrau Michaela Sulaiman Hakim, 29, kollidiert. Sie sagt nämlich, dass es an der Bild gar nichts zu meckern gibt und die Reporter immer nah am Geschehen seien und realistisch berichteten. Hat Frau Hakim denn jemals eine Bild gelesen?
Als Geheimwaffe könnte sich die 23 jährige Ivana Medvidovic entpuppen. Nach eigenen Angaben besitzt sie die besondere Fähigkeit, die Anzahl der Buchstaben eines Wortes herausfinden, ohne sie zu zählen. Sie trainiert jetzt beim einmaligen Anschauen der Bild die Anzahl der Unwahrheiten zu ermitteln.
Ein kostenloser Aufenthalt in Hamburg inklusive ordentlich Kaffee und Kuchen scheint also zu reichen, um Menschen zur Rettung der Bildzeitung zu bringen. Genialer Schachzug! Dabei heißt es immer, die Bild könne nur Bild-Niveau.
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