Zu Favoriten hinzufügen


Freitag, 25. Januar, Alter: 4 Jahre » Zurück

Von: Thomas Christmann

Fotostrecke

Studium im Ausland - Teil 9: Litauen

"Man lernt Dinge schätzen, die in Deutschland selbstverständlich sind"

Litauen ist ein Land der zwei Gesichter. Weitläufige, unberührte Natur und wirtschaftlicher Aufschwung auf der einen, Armut und Überreste aus der Sowjetzeit auf der anderen Seite. Doch für einen Auslandsaufenthalt ergeben sich immer mehr Möglichkeiten. So werden die Beziehungen zwischen der Hochschule Mittweida und den Partneruniversitäten in Vilnius, Klaipeda und Kaunas weiter ausgebaut.

Haus in Litauen

Häuser wie dieses sind in Litauen keine Seltenheit, generell sollte man etwas spartanisch veranlagt sein. (Foto: Freya Walther)

» Fotoserie

Erst seit kurzem ist Freya Walther wieder in der Heimat. Die BWL-Studentin verbrachte rund ein Jahr mit einer Freundin in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Die Gründe dafür lagen nahe. "Ein begrenztes Budget, ein wenig Abenteuerlust und der Reiz, in ein noch unbekanntes Land der EU zu reisen waren ausschlaggebend", erklärt die gebürtige Dresdnerin. Zudem ist Litauen einer der wichtigsten Handelspartner Deutschlands und biete eine gute Referenz für ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. "Das Augenmerk in diesem Bereich konzentriert sich immer mehr auf östliche Länder", ist sich die 20-Jährige sicher.

Unterkunft für 40 Euro im Monat

Nach einer Beratung, dem Ausfüllen der nötigen Formulare und einem für sie anstrengenden Papierkrieg mit dem Bafög-Amt startete das Abenteuer Litauen im Februar 2007. Begrüßt mit minus 14 Grad folgte der erste richtige Schock in der studentischen Unterkunft. "Das Zimmer war mit 12 Quadratmetern für zwei Personen winzig, dreckig und abgewohnt", erinnert sich Freya. Auch bei den Duschen lief es ihr kalt den Rücken herunter. Nicht nur, dass sich 20 Studenten zwei Duschkabinen teilen mussten, auch waren diese baufällig und eine einzige Katastrophe. Die Toilette und Küche bot einen ähnlichen Anblick. "Glücklicherweise wurde die Unterkunft im Sommer 2007 saniert", berichtet die BWL-Studentin. Die Unterkunftskosten waren mit 40 Euro pro Person dagegen unschlagbar. Unverändert blieb aber der Zustand der Heizung, die keinen Regler besaß und Wärme vermissen ließ. "Von April bis Oktober ist Saison in Vilnius. Deshalb sind die Heizungen in der ganzen Stadt abgestellt", erklärt die 20-Jährige zu den Gründen. "Jedoch kann man in jedem Supermarkt preiswerte Heizgeräte kaufen", fügt sie hinzu.

Entgegen der anfänglichen Schwierigkeiten mit der Unterkunft, war das Leben an der alten, ehrwürdigen Universität in Vilnius etwas ganz Besonderes. "Sie bietet viele kleine gemütliche Hinterhöfe und eine eigene wunderschöne Kirche", schwärmt Freya Walther. Auch die Professoren und Studenten seien alle nett, offen und hilfsbereit gewesen und hätten ein ausgezeichnetes Verhältnis zueinander gehabt. Diesen Eindruck kann Marion Dienerowitz vom Auslandsamt in Mittweida nur bestätigen. Erst im November des vergangenen Jahres besuchte sie Vilnius für einige Tage. "Es wird viel gebaut und neu gemacht. Das Land bemüht sich sehr, für Europa interessant zu sein. Gerade im Hinblick für einen Auslandsaufenthalt", ist ihr Eindruck. So gibt es auch mit der Universität einen regen Austausch. "Das Angebot ist für ausländische Studenten sehr weitreichend. Jedoch bieten sie nur theoretische Ausbildungen an", erklärt die Auslandsberaterin.

Neue Bachelorstudiengänge im Angebot

Neben Vilnius unterhält die Hochschule Mittweida aber auch noch Partnerschaften mit den Hochschulen in Klaipeda und Kaunas. "Wer Praxiserfahrungen sammeln möchte, ist hier richtig aufgehoben", sagt Marion Dienerowitz. Kaunas hat derzeit zwar nur Studiengänge für den Fachbereich "Soziale Arbeit" im Angebot, aber hier ist geplant, die Zusammenarbeit auf andere Fachbereiche auszuweiten. Bereits im kommenden Semester könnten beispielsweise Medienstudenten die Bachelorstudiengänge Business Management, Multimedia Technology, Automation Engineering und Computer Network Administration belegen. Klaipeda bietet bereits den Masterstudiengang "International Management" an.

Dass die Partnerhochschulen einen intensiven Austausch pflegen, zeigen auch die Aufenthalte litauischer Studenten in Mittweida. Elena Simukovic und Adomas Taraskevicius verbringen derzeit ein beziehungsweise zwei Semester an der Hochschule und studieren im Fach Medienmanagement. Für sie bedeutete der Aufenthalt in Deutschland zwar anfangs viel Bürokratie, aber die Studenten sind dankbar hier zu sein. "Diese Möglichkeit bekommen nicht alle Studenten", sagt Elena.

Gerade die praxisnahe Ausbildung gefällt ihnen, obwohl sie trotz Fremdsprache nach demselben System bewertet werden. Auch an anderen Dingen finden die litauischen Studenten Gefallen. "Es herrscht Sauberkeit auf den Straßen und man wird in allen Geschäften begrüßt. Das kenne ich nicht bei uns", berichtet beispielsweise die 20-Jährige. Hingegen sei es schwierig, sich in den Kreis der deutschen Studenten einzubinden. "Es kommt zwar selten Initiative ihrerseits, aber wer gut Deutsch kann, hat keine Probleme", erklärt Adomas. Auch die Kosten sind in Deutschland etwas höher, obwohl die derzeitige Inflation in Litauen alle Preise nach oben zieht. "Ich fühle sehr wohl in Deutschland, dennoch ist es nicht so gut wie Zuhause", zieht der 21-Jährige als vorläufiges Fazit.

Litauen als Mittelpunkt Europas

Auch Freya Walther hat sich in Litauen wohl gefühlt. Sie nahm das Angebot der Universität wahr, einen Litauisch-Kurs zu besuchen. "Das hilft in vielen Alltagssituationen weiter und die Einheimischen freuen sich", sagt die BWL-Studentin. Denn gerade in Vilnius mit seinen 590 000 Einwohnern gibt es vieles, vor allem historisch bedeutendes, zu sehen. Neben der ältesten Universität des Baltikums prägen zahlreiche Theater, 30 Museen, 40 Kirchen und ein ausgiebiges Nachtleben das Stadtbild. "Kleine Gassen, gemütliche Cafes und wunderschöne Parkanlagen laden zum Verweilen ein", beschreibt es die 20-Jährige und sagt: "Die Stadt ist einfach ein Schmelztiegel der Kulturen." Besonders gut seien die Litauer auch darin, leckeres Essen zuzubereiten. "Die Süßigkeiten und der Kuchen sind zum Umfallen gut", schwärmt sie. Positiv fand die Dresdnerin zudem das Rauchverbot in Kneipen und Diskotheken, die rund um die Uhr geöffneten Kaufhäuser und internationalen Studentenfeiern.

Über die Universität fanden auch Ausflüge nach Trakai (mit der einzigen gotischen Wasserburg Europas), Sankt Petersburg, und Kiew statt. Auf eigene Faust besuchte Freya mit ihrer Freundin außerdem noch den geographischen Mittelpunkt Europas (25 Kilometer von Vilnius entfernt), die Kurische Nehrung, den Berg der Kreuze (ein Wallfahrtsort), Klaipeda und Kaunas. Nebenbei gab es die atemberaubende, weitläufige und unberührte Natur zu erleben. "Manchmal fühlte ich mich wie in einem Dokumentarfilm über Osteuropa", erzählt sie.

Große Kluft zwischen Arm und Reich

Andererseits ist die Kluft zwischen Arm und Reich noch sehr groß. Es gibt viele bedürftige Menschen, Bettler und auch Alkoholabhängige. Für die Studentin nicht immer leicht mit anzusehen. "Da darf man aber nicht allzu sensibel und zimperlich sein, denn es lässt sich nicht ändern", erklärt sie. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel, zum großen Teil noch aus Sowjetzeiten, spiegeln den wirtschaftlichen Nachholbedarf wider. "Sie sind heruntergewirtschaftet, dreckig, überfüllt und stickig", berichtet die Studentin. Dafür kostet eine Monatskarte auch nur vier Euro.

Doch nach einem Jahr Litauen steht für Freya Walther fest, ein Land besucht zu haben, was landschaftlich, kulturell und menschlich einzigartig ist. "Trotz aller Probleme ist mir das Land ans Herz gewachsen, ein kleiner Teil von mir ist gar dort geblieben", betont die 20-Jährige. Auch fand sie ein Stück zu sich selbst. "Man lernt Dinge schätzen, die in Deutschland selbstverständlich sind", sagt die BWL-Studentin nach ihrer Auslandserfahrung. "Ich werde auf alle Fälle wieder nach Litauen kommen, denn im Osten liegt für mich eine gewisse Faszination", ist ihr abschließendes Urteil.



» Zurück
Footer