Von: Sander Schmidt
Islamic Finance auf dem Vormarsch
Wirtschaft ohne Zinsen
Während der Westen eine Lösung zur Bewältigung der Finanzkrise sucht, können Nutzer islamischer Finanzdienstleistungen nur milde lächeln. Denn die Auslöser der Kapital-Krise – überzogene Spekulationen - wären im Finanzsystem nach "Islamic Finance" nicht möglich gewesen.
Der Begriff Islamic Finance bezeichnet den Versuch Finanzgeschäfte auf Basis der religiösen Regeln des Islams zu gestalten. Richtungweisend sind dabei die im Regelwerk der Scharia - dem religiös legitimierten Gesetz des Islam - festgehaltenen Verbote. Weder Zinsgeschäfte, noch Spekulationen oder Glücksspiele sind erlaubt.
Vor allem das Zinsverbot führt zu Umgehungsgeschäften. So kauft eine Bank das Wunschauto des Bankkunden und verkauft es dann mit einem Aufschlag an den Kunden weiter. Anstelle ihm einen verzinsten Kredit zu geben, zahlt der Käufer einen Bonus. Der Kunde kann dann das Auto in Raten bei der Bank abbezahlen.
Die Scharia als Geschäftsgrundlage
Ebenso dürfen Investoren Geschäfte und Anlagen nur in Bereichen tätigen, die nicht durch die Scharia verboten sind. Darunter fällt der Handel mit oder die Herstellung von Alkohol, Schweinefleisch, Waffen, pornographischen Produkten und die Finanzierung von Wettgeschäften. Darüber hinaus sollen Investitionen und Handelsgeschäfte immer auch einen sozialen Nutzen haben.
Die Einhaltung der Vorschriften überwachen so genannte "Sharia-Boards" - eine Art religiöser Beirat einer Bank. Die Mitglieder der Sharia-Boards sind meist islamische Rechtsgelehrte gelten als unabhängig. Ihre Aufgabe besteht darin, die Sharia-Kombatibilität der Finanzgeschäfte gegenüber der religiös geneigten Kundschaft zu garantieren.
Großer Wachstum in kurzer Zeit
Islamic Finance ist, trotz der 1 000 Jahre alten Wurzeln nicht älter als 30 Jahre. 1975 begann mit der "Dubai Islamic Bank" die erste Bank die Grundsätze der Scharia anzuwenden. Mittlerweile gibt es in fast allen islamischen Ländern neben den üblichen Banken mit westlichen Geschäftsmodell auch Banken des "Islamic Finance".
"Mit Wachstumsraten von durchschnittlich 15 bis 20 Prozent (..)bilden sie international einen der am schnellsten wachsenden Sektoren der Finanzbranche". So lautet das Ergebnis einer Untersuchung der Strategieberatung Booz & Company, wie das Online-Magazin "fondsprofessionell.de" Mitte Juli 2008 berichtete. Der Gewinn durch Verbriefungen im "Islamic Finance" weltweit lag bereits 2006 bei knapp 12 Milliarden, wie die "KfW Entwicklungsbank" berichtet und blickt damit auf ein Wachstum von 3 000 Prozent seit dem Jahr 2000.
Enormes Potentiel in Deutschland
Und auch im Westen ist Islamic Finance kein Fremdwort mehr. So richtete die amerikanische Citibank bereits 1996 einen islamischen Geschäftszweig ein und eröffnete eine Filiale in Bahrain. Selbst die WestLB AG - eine der größten Banken in Deutschland -finanzierte mit einem von ihr aufgelegten Scharia-Fonds, die Übernahme der britischen Automobilmarke Aston Martin.
Dennoch befindet sich Islamic Finance in Deutschland noch zaghaft auf dem Vormarsch."Wenn bei deutschen Banken die Beratung für Muslime in der Muttersprache des Kunden erfolgt, ist das schon viel", so Dr. Klaus-Peter Gushurst, Seniorpartner und Bankenexperte von Booz & Company in einer Pressemitteilung seines Instituts. "Wir sehen in diesem Bereich ein enormes Potenzial, das noch weitgehend brachliegt. In anderen Ländern, etwa in Großbritannien, ist der Markt bereits viel weiter entwickelt."
Mehr zum Thema nächsten Montag im Interview mit dem Blogger Alexander Hinz.
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