Von: Steffen Kalfac
Interview mit dem mehrfachen Chefredakteur Sven Alisch
Breit gefächerte Zielgruppe
Sven Alisch ist ein seltener Mann in der Medienbranche. Denn er betreut nicht nur eine, sondern gleich mehrere Zeitschriften als Chefredakteur. Deshalb sprach medien-mittweida.de mit ihm über diese Herausforderung und die Zukunft von Tuning-Zeitschriften.
Wie sind Sie überhaupt in die Tuning-Branche geraten und was macht den Reiz dabei aus, eine ganze Zeitschrift über Autos zu machen?
Eigentlich auf Umwegen. Journalistisches Arbeiten und das Schreiben an sich haben mich seit jeher fasziniert. Mein Werdegang war allerdings in keiner Weise darauf ausgerichtet, was ich in meinen frühen Zwanziger Jahren allerdings über einen Quereinstieg als Volontär im Axel Springer Verlag grundlegend geändert habe. Da den meisten männlichen Mitbürgern ein gewisser Hang zum Motorisierten nachgesagt wird, war es auch bei mir nicht anders. Autos, Rennsport, die Ästhetik, die in der Mobilität steckt – alles was fährt oder fliegt fasziniert mich einfach. Als dann in der Mitte der Neunziger Jahre der Tuning-Boom langsam meine thüringische Heimat erfasst hat, konnte ich natürlich mit meiner Begeisterung nicht hinterm Berg halten.
Ihre Steckenpferde sind die Zeitschriften "Tuning" und "Autotuning". Beide kommen jeden zweiten Monat heraus. Des Weiteren bertreuen Sie Zeitschriften wie zum Beispiel "BMWTuning" oder "AudiTuning". Wie sieht dabei Ihr Arbeitsalltag als mehrfacher Chefredakteur aus?
Insgesamt bin ich für fünf Fachzeitschriften zum Thema Tuning verantwortlich. Ob und wie sich mein Arbeitsalltag nun von dem eines Chefredakteurs beispielsweise einer Tageszeitung oder eines einzelnen Magazins unterscheidet, vermag ich nicht abschließend zu beantworten. Ich will es einfach so ausdrücken: Stress im Job haben alle Journalisten, das ist kein zweifelhaftes Privileg eines leitenden Redakteurs. Was mich eventuell vom Chefredakteur in der Tagespresse oder bei anderen Magazinen trennt, ist die Verantwortung für mehrere Titel zu einem Thema. Ich würde mir nicht zutrauen, zwei oder drei Monatsmagazine inklusive Kultur- und Politikteil und mit unterschiedlicher Leserausrichtung gleichzeitig zu produzieren. Vielleicht ein halbes Jahr lang, nicht länger. So etwas macht sicher schizophren. Ab und zu, bei paralleler Produktion mehrere Titel muss die Redaktion inhaltliche Fragen unter Verwendung der Nummer der Ausgabe und des Hefttitels an mich richten. Sonst ist eigentlich alles so, wie man es von einem Chefredakteur erwartet: Er nervt mit den Abgabeterminen, lässt Texte zurückgehen, weiß alles besser und wenn man ihn braucht, dann bekommt man ihn manchmal nur übers Handy zu fassen.
Warum berichten viele Tuning-Zeitschriften fast ausschließlich über große Treffen oder bekannte Auto-Marken? Viele Fans würden sich auch darüber freuen, wenn über kleinere Treffen berichtet wird. Oder wenn eine Automarke ihren Weg in ein Heft findet, die sonst nicht so häufig aufgemotzt wird.
Wir versuchen natürlich eine möglichst breit gefächerte Zielgruppe anzusprechen. In "Autotuning" und "Tuning" werden Sie auch die so genannten Exoten finden. Allerdings müssen auch wir Geld verdienen und uns am Kiosk behaupten. Das geht natürlich nur über die in Deutschland groß vertretenen Automarken. Wir sind also an die Verkaufs- beziehungsweise Zulassungsstatistik gekoppelt. Trends werden aber gern aufgegriffen. Als vor ein paar Jahren jeder Jugendliche japanische Autos haben wollte, haben wir darauf reagiert. Es gibt auch keine "No-go"-Marken für uns, das möchte ich betonen. Wer etwas Außergewöhnliches mit seinem Wagen anstellt, hat gute Chancen auf einen Artikel in einem unserer Magazine. Was die Berichterstattung über die großen Treffen angeht, so verhält sich alles genauso. Viele Besucher bedeutet großes Interesse, wenn dann noch ein gutes Showprogramm hinzu kommt, wird ein Mitarbeiter unserer Magazine vor Ort sein. Aber auch die kleinen Treffen finden bei uns statt. Im Heft, wie auch online.
Erdöl ist ein endlicher Rohstoff. Ist der Vorrat verbraucht, wird es auch kein Benzin mehr geben. Wird es Autos, wie wir sie kennen, auch noch in der Zukunft geben?
Nein. Sie werden ihren "Verbrenner" in Ihrer Garage der Zukunft oder im Museum besuchen, ihn abstauben und verhätscheln, wie Sie es mit einer Antiquität nicht anders tun würden. Im Ernst, wer weiß das schon? Wenn manch einer heute bereits von der Inszenierung von Verkehrsflüssen spricht, wer garantiert uns dann – gerade in den Ballungszentren – dass wir nicht alle in ein paar Jahrzehnten in hypermodernen Massenverkehrsmitteln sitzen. Dem Einzelnen, wahrscheinlich gut betuchten Enthusiasten wird der Wunsch nach individueller Mobilität aber stets erfüllt bleiben. Da bin ich mir ziemlich sicher.
Angenommen in 20 Jahren fahren fast alle Autos nur noch mit Elektromotoren. Wird es Tuning dann noch in Zukunft geben?
Auch diese Modelle werden sicher ein Stück weit individualisierbar bleiben. Also spricht nichts gegen einen Fortbestand. Allein das Ausmaß wird abnehmen. Sicher verlieren einzelne Bereiche des Begriffs dann komplett an Bedeutung. Wenn unsere Leser sich mit Elektromotoren oder den Alternativen anfreunden können, spricht nichts dagegen, dass auch das Magazin "Tuning" ebenfalls Gefallen am Surren der Aggregate findet. Wir werden dann aber sicher eine Klassik-Rubrik einfügen, in der wir der guten alten Zeit nachweinen. Zumindest, solange ich etwas in Sachen Heftausrichtung zu sagen habe.
Bei einigen startet das Tuning-Fieber mit dem Austausch von Scheinwerfern und endet dann in einem Total-Umbau. Warum schrauben so viele Menschen an ihrem Auto und warum ist dies so ansteckend?
Es ist in der Hauptsache der Reiz etwas zu haben, das kein anderer hat. Dieser Reiz liegt jedem Luxusgut zugrunde. Teure Uhren, ein großes Haus, ein schnellerer Wagen als der Nachbar fährt. Es gibt aber ebenfalls massenhaft Tuning-Fans, die ihren Wagen mit Umbaumaßnahmen auf den neuesten Stand bringen wollen oder einfach meinen, dem Industriedesign auf die Sprünge helfen zu müssen und Details nachbessern. Zum Thema Tuning-Fieber ist eigentlich nur zu sagen, dass es sich damit wohl wie mit allen Hobbys verhält. Wer einmal einsteigt, rutscht immer tiefer hinein. Wie Sammler zum Beispiel oder Extremsportler. Es gibt aber auch Fälle in der Tuning-Szene, die es seit Jahren bei leichten Retuschen an ihren Fahrzeuge belassen.
Viele belächeln die Tuning-Gemeinschaft, wenn die Fahrer mit fünf Kilometern pro Stunde über einen Bahnübergang fahren. Was sagen sie zur Alltagstauglichkeit von aufgemotzten Autos?
Die Alltagstauglichkeit mag bei Extremumbauten nicht immer gegeben sein, das ist wahr. Aber darum geht es dem Fahrer eines solchen auch nicht. Bitte glauben Sie mir, dass einen echten Fan das Lächeln der "Nicht-Infizierten" auch nicht wirklich interessiert. Oder kennen Sie einen Dackelzüchter, der seinen Hund zum Erschießen in den Wald bringt, nur weil manche mit Hunden ein Problem haben? Oder einen Golfer, der auf Fußball umsteigt, weil es weniger "bonzig" ist?
Was war Ihr erstes Auto, was für eines fahren Sie heute und gibt es für Sie auch noch ein "Traumauto"?
Mein erster eigener Wagen war ein Alfa Romeo 33, der mich jeden Tag mit einem anderen Defekt unterhalten hat. Im Moment fahre ich einen BMW 3er Touring. Nur einen Traumwagen? Ich kann mich beim besten Willen nicht auf einen einzelnen Traumwagen festlegen.
Vielen Dank für das Gespräch.
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