Von: Janka Soltes
Interview mit Fernsehikone Helmut Thoma
"Der Zuschauer ist der absolute King"
Helmut Thoma entwickelte das Konzept von RTL und prägte damit das deutsche Privatfernsehen. Im Interview der aktuell 23. Ausgabe der NOVUM sprach er über Anspruch im Fernsehen, den Zuseher als Maßstab, die Zukunft des Mediums und seine Motive die Schirmherrschaft des 12. Medienforums zu übernehmen.
Was wäre die Fernsehlandschaft ohne "Deutschland sucht den Superstar", die "Supernanny" oder "Peter Zwegerts: Raus aus den Schulden". Die Zuschauerquoten sind gigantisch. Helmut Thoma ist für diese Sendungen inzwischen seit zehn Jahren nicht mehr verantwortlich, doch legte er den Grundstein. Ob es heute das deutsche Privatfernsehen in der gleichen Form gäbe, wenn er als Geschäftsführer von "RTLplus" 1990 nicht "Tutti Frutti", "Der heiße Stuhl" oder die "Mini-Playback-Show" verantwortet hätte, ist nicht auszumachen.
Helmut Thoma, den Schirmherren des 12. Medienforums Mittweida, können Sie im Rahmen des Medienforums am Mittwoch, den 12. November, von 16.30 Uhr - 18.30 Uhr im Studio B live erleben. Er diskutiert zusammen mit dem Schauspieler Manuel Cortez, Thomas Lückerath - Geschäftsführer "DWDL.de GmbH" und dem Journalisten und Buchautoren Jürgen Bertram über den "Tod der Fernsehkutur".
Im Vorfeld gab er der Hochschulzeitung NOVUM ein Interview. Die ganze NOVUM können Sie sich auch als pdf-Dokument bei medien-mittweida.de anschauen. Das Interview führte Janka Soltes.
Herr Thoma, Sie haben den privaten TV-Sender RTL Television gegründet, von 1991 bis 1999 waren Sie RTL-Chef. Sie wirkten maßgeblich an der deutschen Fernsehkultur mit. Welche Ansprüche hatten Sie persönlich damals an das deutsche Fernsehen?
Ich habe keine Ansprüche. Fernsehen muss handwerklich gut gemacht sein und beim Zuschauer ankommen. Der Zuschauer soll damit zufrieden sein. Das ist das Wichtigste.
Was davon lässt sich heute noch bei RTL wiederfinden?
Bei RTL lässt sich, wie bei jedem anderen kommerziellen Sender, die Tatsache wiederfinden, dass er darauf angewiesen ist, dass sein Programm beim Zuschauer ankommt. Bis jetzt ist RTL unter den kommerziellen Sender mit erheblichem Abstand Nummer Eins. Also scheint das auch weiterhin zu wirken.
Schauen wir mal in die Zukunft: Wird es in zehn Jahren noch das Fernsehen geben, so wie wir es kennen?
Das Fernsehen wird vielfältiger, technisch noch perfekter, im Highdefinition-Standard. Es wird allgegenwärtig, weil das Bewegtbild zum Mittelpunkt aller Kommunikation wird. Die Geräte werden immer größer und flacher. Die Inhalte selbst werden sich, solange Menschen vor dem Fernseher sitzen, nicht wesentlich ändern. Die gibt es schon seit 2 500 Jahren. Die Komödie, Tragödie, Sport und Information. Da wird sich nichts grundsätzlich ändern. Das werden die Leute weiter ansehen.
Was hat Sie bewegt, der Einladung zu folgen Schirmherr des Medienforums zu werden?
Ich habe mich immer dafür interessiert, dass auch die nachrückende Generation sich mit diesem spannenden Beruf beschäftigt. Und wenn ich irgendwie positiv dazu beitragen kann, dann war ich schon immer interessiert. Deswegen erscheint mir die Annahme der Schirmherrschaft auch selbstverständlich.
Reich-Ranicki hat es bereits gesagt: Ist das Fernsehen heute schlechter als früher?
Erstens ist der Herr Ranicki nicht die allein entscheidende Figur. Er kann sagen, was ihm nicht gefällt. Und das ist sein persönlicher Geschmack, mit dem ich mich ja auch nicht auseinander setzen kann. Das ist so eine Art Menschenrecht. Jeder kann den Geschmack haben, den er haben möchte. Aber ich verwahre mich auch dagegen, dass man mit der Form eines allumfassenden Wissens über das Fernsehen loszieht. Fernsehen ist ein Medium. Das ist genauso unsinnig, wenn man sagt: "Das Buch oder die Zeitung ist schlecht geworden." Es gibt überall Gutes und Schlechtes. Das ist ganz individuell. Jeder Einzelne muss sich in jedem Fall fragen: "Gefällt mir das? Mag ich das? Erscheint mir das richtig oder nicht?". Niemand wird gezwungen den Einschaltknopf zu drücken oder ein bestimmtes Programm anzuschauen. Das Fernsehen ist technisch eher besser geworden, vielfältiger. Die Feststellung des Herrn Ranicki ist die Meinung eines alten Herrn, die ich durchaus als Individualmeinung zur Kenntnis nehme, aber mehr auch nicht.
Von Ihnen stammt das Zitat: "Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler." Wer ist denn nun genau dafür verantwortlich? Wer macht denn heutzutage das Fernsehprogramm, die Zuschauer?
Ja sicher! Wie in jedem Dienstleistungsberuf. Der Friseur schneidet doch auch nicht ab, was ihm gefällt. Es kommt darauf an – was will der Zuschauer. Es ist nicht wichtig was der Anbieter haben möchte, sondern was derjenige, für den man die Leistung erbringt, eigentlich haben will. Nichts anderes soll dieser Satz sagen.
Gäbe es denn für Fernsehen, so wie Reich-Ranicki es fordert, überhaupt Abnehmer?
Den Herrn Ranicki vielleicht. Wobei ich da auch nicht sicher bin, ob er sich das wirklich anschauen würde. Wenn das nicht genügend wären, dann hätte er eben Pech gehabt. Dann könnte er mit dieser Form von Fernsehen DVDs herstellen oder kann sich das von ARTE bis 3Sat zusammensuchen. Man braucht ja nur auf die Reichweiten von ARTE schauen. In Deutschland liegt es bei zwei Prozent und darunter. Das ist ungefähr die Größenordnung, die sich für diese Art von Fernsehen interessiert.
Private Anbieter haben ja nicht die Möglichkeit sich so geringe Marktanteile leisten zu können. Gibt es denn für die Privaten einen Mittelweg zwischen Anspruch und Unterhaltung?
Natürlich können Sie sich das nicht leisten, weil sie ausschließlich von der Werbung leben und daher Reichweite erzielen müssen, sonst gehen sie unter. Die müssen also eine bestimmte Kundenfixierung haben, denn wer sollte sie sonst finanzieren? Die Öffentlich-Rechtlichen müssten sie nicht haben, orientieren sich aber auch daran. Was heißt Anspruch? Wessen Anspruch? Der Anspruch von irgendwelchen Dritten, die sagen, wir müssen das dumme Volk auch mit Opern und Lesungen von philosophischen Werken bilden. Weshalb? Der Zuschauer ist der absolute King. Natürlich gibt es dazwischen Grenzen. Es gibt die Grenzen der Rechtsordnung, das Pornografie- und Gewaltverbot, aber innerhalb dieser Grenzen ist der Zuschauer frei, das zu wählen, was ihm gefällt. Es gibt keinen Anspruch außer den des Zuschauers. Wenn er einen andern Anspruch hat, dann schaltet er nicht ein. Aber einen Anspruch von einem Dritten, würde ich nicht akzeptieren. Nur derjenige, der Konsument ist, kann Anspruch haben.
Sie sind nun seit gut zehn Jahren weg von RTL. Aber deswegen keineswegs leiser geworden. Sie sind Aufsichtsratsvorsitzender von freenet AG und außerdem noch in weiteren Gremien aktiv. Wann setzt sich Helmut Thoma zur Ruhe?
Ich werde mich dann zur Ruhe setzen, wenn ich das Gefühl habe, dass es Zeit dafür ist. Bis dahin interessiert mich die Entwicklung des Fernsehens. Ich will wissen, wie es weiter geht. Ich habe am Anfang, in der Schwarz-Weiß-Zeit 1966, begonnen zu wirken. Dann kam 1967 das Farbfernsehen. Und beim Digitalfernsehen habe ich auch bis in den letzten zehn Jahre mitgewirkt. Aber auch die Entwicklung im Bereich von Internet und Ähnlichem möchte ich gern mitmachen. Dazu bin ich ja auch bei großen und kleineren Sendern – zum Beispiel bei der Togan Gruppe in der Türkei und bei 3plus-TV in der Schweiz. Ich arbeite also auf beiden Seiten, in einem etablierten und einem sehr jungen Sender.
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