Von: Daniel Strunz
Kommentar zur Leserreporterkamera von Bild
Der neueste Knaller
Ab dem 4. Dezember läutet das Boulevardblatt Bild eine neue Epoche im deutschen Journalismus ein. Eine Kooperation mit dem vom Überwachungsskandal gebeutelten Discounter Lidl bringt die "Bild.de Leserreporterkamera" auf den deutschen Markt.
Das innovative an der gerade mal 70 Euro teuren Winzkamera - schließt der Nutzer sie an seinen Rechner an, öffnet sich direkt ein Programm, mit dem die gemachten Aufnahmen direkt zum Onlineportal Bild.de geladen werden können.
Nun ist es an sich nichts besonderes, dass sich die Bild-Zeitung mit dem Discounter verbündet. Zahlreiche "Volksprodukte" wie "WM-Knaller", "Sommer-Knaller" und sonstwas-Knaller zeugen von einer scheinbar ertragreichen Partnerschaft. Auch die liebreizende Berichterstattung unter Freunden bei dem vom Magazin Stern aufgedeckten Lidl-Skandal, lässt vermuten, dass Diekmanns Mannschaft mal wieder redaktionelles Angebot mit knallharter Werbung vermischen könnte.
Konsequente Weiterentwicklung von 1414-Leserreporter
Aber weit gefehlt! Der Schritt zur subventionierten Bild-Kamera ist nur ein konsequentes Weiterdenken im Bemühen Kai Diekmanns zur Weiterentwicklung des Journalismus. Kein Medienprodukt, auch wenn es in einem so riesigen Konzern wie dem Axel-Springer-Verlag beheimatet ist, kann Journalisten sofort überall verfügbar haben. Weltbewegende Ereignisse wie 9/11 können nicht von Bild- und Videojournalisten reproduziert werden. Woher hätten diese auch wissen sollen, dass sie ihre Kameras am 11. September 2001 genau 8:46 Uhr auf den Nordturm des World-Trade-Centers in New York hätten schwenken müssen? Ein Hobbyfilmer, der zufällig sowieso die Türme filmte, wusste es natürlich auch nicht, aber er war vor Ort und konnte dieses Ereignis filmen und seine Bilder gingen um die Welt.
Wenn nun Diekmann jeden Mitbürger zum Videojournalisten machen will, dann ist das kein Aufruf zum Voyeurismus, wie so mancher Kulturpessimist behaupten mag, sondern eine bahnbrechende Entwicklung zu mehr investigativem Journalismus.
Nutzerinhalte auch bei Qualitätsmedien
Und genau hier liegt das Problem. Deutschlands meist zitierte Tageszeitung gibt wieder den Ton an. Wahrscheinlich auch die meist kritisierte Zeitung, Bild-bashing gilt natürlich auch bei Medienstudenten als beliebter Pausensport. Auch wenn die Saarbrücker Zeitung als erstes Medium gezielt Leserreporterfotos veröffentlichte, so brach doch erst durch Bilds "1414 Leserreporter" der Damm für User-Generated-Content in deutschen Zeitungen und Internetportalen.
Die Qualitätsmedien sollten den neuen Vorstoß der Bild-Zeitung deswegen nicht schon wieder verteufeln, sondern als Vorbild für anspruchsvolle Einbindung ihrer Nutzer nehmen. Was allerdings noch viel besser wäre, die Vertreter von Spiegel und Süddeutsche werden endlich selbst wieder Vorreiter im Bezug auf die Zukunft des deutschen Journalismus.
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