Von: Sebastian Opitz
Themenwoche: Leipziger Buchmesse 2009
Messe für die Massen
Es wird schnell laut in der Halle, die hinteren Menschen quetschen die vorn stehenden gegen die Drehkreuze. Aussteller und Wurstverkäufer warten, Fotografen fotografieren, Sammler und Diebe schieben sich durch die Gänge: Die Buchmesse ist eröffnet.
Eigentlich ist der "Mitteldeutsche Rundfunk" kein Buchverlag, aber er macht Stimmung: Ein Sternekoch brutzelt live im Fernsehzelt, Mitarbeiter werben für ihren Sender und verteilen MDR-Beutel. Wie hier, werden überall auf der Messe Besucher bei Laune gehalten, mit Glücksrad, Gewinnspiel und Geschenken. Wer sich nicht genug bemerkbar macht, den übersehen die Besucher: Zwei Aussteller spielen CDs mit kindgerechter Musik, ohne dass sie die Gäste wahrnehmen, denn ihre leisen Kassettenrekorder sind kaum hörbar. Der "Lesetreff" hingegen, ausgestattet mit einer hochwertigen Beschallungsanlage, reizt junge Besucher: Zwei Dutzend Kinder sitzen hier und lauschen einer Buchlesung.
Das digitale Zeitalter drängt
Allmählich füllen sich auch die breiten Gänge, stellenweise ist es schwül geworden. Ein Rentnerpaar steht vor einem eBook. Was das sei, erklärt der Verkäufer, und schwärmt für den Akku. Die Rentner schauen skeptisch, umstehende Kamerateams weisen die Verkäufer an, sich mit dem eBook zur Schau zu stellen. Sie klappen es wie ein Buch auf, innen steht ein beliebiger Text auf einem Bildschirm. Manchen Vorbeigehenden gefällt das Gerät nicht. Sie wollen lieber ein echtes Buch in den Händen halten, das bedruckte Papier riechen und Seiten mit der Hand umblättern.
Es ist Mittag, auf den Freiflächen zwischen den Messehallen versammeln sich Raucher, Schüler entspannen sich, Aussteller packen Schnitten aus. Es beginnt zu regnen, drinnen verlangt ein Imbissstand 4,50 Euro pro Sandwich. Josi verkauft Kaffee, Kuchen und Drei-Euro-Tee. Sie studiert in Leipzig und arbeitet regelmäßig an der Kaffeebar. "Bei Fachmessen rennen viele dieser Schnösel in Anzügen rum", sagt sie. Die würden zwar ordentlich Trinkgeld geben, aber mit den Besuchern hier mache es dafür mehr Spaß. Dies sei eine Messe für alle.
Publikum mit Leidenschaft
Was alte und junge Besucher eint, sind ihre fetten Beutel. Scheinbar streift manche Familie nur deshalb durch die Hallen, weil sie sammeln will – Essbares, Leseproben und Broschüren, die vermutlich bald den Müllsack weiten. Schüler prügeln sich um Hausaufgabenhefte aus dem Vorjahr. Alt ja, aber kostenlos. Ein Sammler in blauer Jacke klaut einen Krimi, setzt sich zu seiner Clique und liest ein Stück. Weil ihm das Buch gefällt, kommt es in einen seiner Beutel. Die Jugendlichen stammen aus Merseburg und finden es toll, was es hier alles zum Mitnehmen gibt. Sie markieren mit Bonbonpapier eine Art Revier und gehen wieder auf die Jagd, die Taschenkalender, Zeitschriften und das gestohlene Buch in ihren Tüten.
Manuela verteilt Geschichten, die mit Wörtern wie "Muschi", "Nippel", "eindringen" und entsprechenden Synonymen geschrieben wurden. Sie sagt, bei der Frankfurter Buchmesse hätten sich Leute über die Heftchen beschwert, doch in Leipzig gehe es einfacher. Hier nehmen ihr vor allem jüngere Menschen die Leseproben ab und beschauen den Stand des Erotik-Verlages. Kongresstechniker fahren auf Rollern durch die Menge, um schnell zum Essen und zurück zu kommen. Peitschen vom Himmel, erschöpfte Besucher an der Brüstung, Kinder daneben. Sie passen auf prall gefüllte Taschen auf, die Eltern sind nochmal sammeln gegangen.
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