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Freitag, 8. September, Alter: 5 Jahre » Zurück

Von: Philipp Grimm

Interview mit Natascha Kampusch im ORF

Vom Entführungsopfer zum Medienopfer

Nach dem Interview der 18-Jährigen Natascha Kampusch entbrennt erneut die Diskussion um die Verantwortung der Medien. Die Entführte bricht Quotenrekorde und entfacht einen internationalen Medienrummel. Ein durchaus kontrovers diskutierter Erfolg.

(Bild: Medien-Mittweida.de)

Als Natascha Kampusch am Mittwochabend ihr erstes Fernsehinterview im ORF gab, sahen ihr knapp 10 Millionen Menschen zu. In Österreich erreichte man Einschaltquoten von etwa 80 Prozent und auch RTL konnte mit einem Zuschaueranteil von rund 23 Prozent recht zufrieden sein. Doch gerade über diesen vermeintlichen Erfolg wird aufs heftigste und überaus kontrovers diskutiert. Wieder einmal wird die Rolle der Medien und deren Verantwortungsbewusstsein hinterfragt.

Für die RTL-Zuschauer flimmerte das Interview um eine Stunde zur österreichischen Übertragung versetzt über die Bildschirme. Diese Zeit nutzte der Sender vor allem dazu psychologische Einschätzungen anfertigen zu lassen. Die Qualität einer solchen Einschätzung, die binnen ein oder zwei Stunden gemacht wird, ist allerdings sehr fraglich. Kriminalpyschologen und  Experten sind sich ohnehin nicht sicher, ob ein Fernsehinterview zu diesem Zeitpunkt schon angebracht war, immerhin sind erst zwei Wochen seit ihrer Befreiung vergangen. Laut Kriminologe Christian Pfeiffer habe die Körpersprache der 18-Jährigen noch alle Anzeichen ihrer Gefangenschaft gezeigt. Auch träfe das Argument nicht zu, ohne das Interview wäre die junge Frau ohnehin von den Medien gejagt worden, so Pfeiffer im Bayerischen Rundfunk. "Man hätte ihr eine neue Identität verpassen können, vorübergehend, damit die Schonzeit länger anhalten kann."

Doch man sollte die Jagd nach der besten Story, dem besten Bild und den größten Enthüllungen vor allem in der Boulevard-Presse nicht unterschätzen. Ein deutliches Beispiel dafür sind die schon als Drohung anmutenden Ankündigungen der internationalen Boulevard-Medien. Auf Überlegung von Dietmar Ecker, dem Presseberater von Natascha Kampusch, sie zum eigenen Schutz im Interview unkenntlich zu machen, folgten schier unglaubliche Worte der Pressevertreter. Ihm wurde unmissverständlich klargemacht, dass man in diesem Falle, die eigenen Fotografen schicken würde. Laut Ecker bedeutete das, dass Natascha keinen Meter mehr frei ohne Paparazzis hätte gehen können.

Die Geschichte dieser jungen Frau ist längst zum internationalen Medienhype geworden. Bisher gab es etwa 400 Anfragen der Presse für ein Interview. Dietmar Ecker: "So sieben, acht Prozent waren aus Deutschland und der Rest aus der ganzen Welt, also Deutschland hat auch großes Interesse gezeigt, auch sehr stark der belgische Raum, vor allem die britischen Boulevardmedien in den ersten Tagen, in der Zwischenzeit ist das eine globale Geschichte geworden, also Neuseeland, Australien und vor allem die Amerikaner sind jetzt aufgewacht."

Mittlerweile tauchen auch ganz neue „Interpretationen“ des Fernsehauftritts auf. Die Phantasie einiger Journalisten scheint jedenfalls keine Grenzen zu kennen. So kommt zum Beispiel der „Südkurier“ zu folgender Einschätzung: „Das Wolfskind schlägt eine Gesellschaft, die nach Unerhörtem giert, mit den eigenen Waffen. Jede TV-Minute und jede Zeile lässt sie sich vergolden. Ihre Kindheit kann sie nicht zurück kaufen, aber ihre Zukunft polstern.“ Zwar kommen die Einnahmen für die Fersehrechte Natascha zugute, (für die Übertragungsrechte zahlt RTL nicht an den ORF, sondern an den Natascha Kampusch Fonds, aus dem unter anderem die Ausbildung der 18-Jährigen finanziert werden soll) doch es ist wirklich fraglich, ihr derartiges Kalkül vorwerfen kann.

Eines ist klar. Natascha Kampusch steht im Interesse der Öffentlichkeit. Ob dies allerdings ausreicht, um ein teilweise eklatantes Verhalten einiger Pressevertreter zu rechtfertigen, ist mehr als fraglich. Gott sei dank gibt es auch positive Beispiele in der Presse, die zeigen, dass die Medienmacher ihre Verantwortung scheinbar nicht ganz vergessen haben. So kommt zum Beispiel der „Wiesbadener Kurier“ zu folgender abschließender Einschätzung: „Der mediale Druck der letzten Tage zeigt auf beschämende Weise: Dem Täter konnte Natascha entkommen, der Öffentlichkeit nicht.“



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