Von: Rene Meixelsberger

No-Go-Area Sächsische Schweiz
Rechte im Schafspelz
Eine Schule in Pirna macht sich stark gegen Rechts. In einer Gegend, die deutschlandweit bekannt ist für rechtsextreme Tendenzen, ist es schwer sich gegen Rassismus und Extremismus zu stellen. Jedoch nicht die Gewalt ist das Hauptproblem, viele Bürger denken einfach zu weit rechts.

Polizei vor Herder-Gymnasium (Quelle: Propeller TV)
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Schule ohne Rassismus: Schülerin Sandra Loth (Quelle: Propeller TV)

Titelverleihung "Schule ohne Rassismus" (Quelle: Propeller TV)

Lutz Richter von der Linkspartei (Quelle: Propeller TV)

Historiker Hugo Jensch (Quelle: Propeller TV)
„Rechte Einstellungen sind in dieser Region ‚in’.“ Familie Bittermann-Mutouo aus Pirna erlebt täglich, wie es ist, als anders wahrgenommen zu werden. „Die Jugend und auch Erwachsene […] wirken und sind in ihrem Auftreten aggressiv und bedrohlich und haben eine extrem niedrige Hemmschwelle, dies auszudrücken.“ In der Familie ist die Mutter aus Deutschland, der Vater kommt aus Afrika. Die gemeinsame Tochter ist schwarz.
Täglicher Rassismus überall
Insgesamt 8 Familien schlossen sich 2001 zur Bürgerinitiative afroeuropäische Familien zusammen. Sie alle sind in derselben Situation und sie alle haben sich gesagt: „So wie bisher kann es nicht weitergehen.“ Gerade die Kinder der Familien bekommen den Rassismus in ihrem Alltag zu spüren. In der Schule werden sie von ihren Mitschülern beleidigt, Tag für Tag. „Weil du schwarz bist, musst du das wegräumen“ kommt zwar häufig vor, ist aber noch recht harmlos. Wohl fühlen sich die Betroffenen dennoch nicht. Auch nicht auf der Straße, im Zug oder sonst irgendwo.
Familie Bittermann-Mutouo spürt zwar auch, dass gegen Rechtsextreme in der Sächsischen Schweiz vorgegangen wird, aber die Lage nur am Rückgang von (polizeilich gemeldeten) Straftaten fest zu machen, sage nichts über die Lebensqualität von Betroffenen aus. „Wenn die Zahl der rechten Gewalttaten im Landkreis zurückgegangen ist, liegt das am Verfolgungsdruck der Behörden, noch nicht am Stimmungsumschwung der Rechten oder der Bevölkerung.“
Rechte Einstellungen sind tief verwurzelt
Die Friedrich-Ebert-Stiftung kommt in der Studie „Vom Rand zur Mitte“ zur Erkenntnis, dass 26,7% aller Deutschen ausländerfeindlich sind. In der sächsischen Schweiz kommt diese Einstellung von einer tiefen Verwurzelung extremer, rechter Einstellungen. Die verbotene neonazistische Vereinigung Skinheads Sächsische Schweiz (SSS) ist deutschlandweit bekannt. Durch das Verbot 2001 wurde die SSS zwar aufgelöst, aber die Einstellung der Menschen änderte sich dadurch nicht.
Lutz Richter von der Linkspartei sächsische Schweiz erklärt, wie die SSS bis heute noch in der Region präsent ist. „Die SSS mit 200 Mitglieder und Sympathisanten, die sind irgendwo verwurzelt in ihrer Region. Die haben Eltern, Großeltern, Onkels und Tanten.“ So kommt es, dass oft ehr die Opfer von Gewalt und Rassismus als Problem gesehen werden, denkt nicht nur Lutz Richter, sondern auch Familie Bittermann-Mutouo. In Sebnitz, so berichtet der Vertreter der Linkspartei weiter, seien bei einem Ortsfest Linke weggeschickt worden, weil sie zu sehr provozieren würden. „Die Bevölkerung wusste genau, wen sie da wegschickt.“
Problemregion sächsische Schweiz?
Weit weniger dramatisch sieht der Revierführer von der Polizei Pirna die Lage, Polizeirat Mirko Sauer. Er sieht die Pirnaer Vereinigung „Copitz-Front“ als „ein Gemengelage aus ‚erlebnisorientierten Fans’, die zu Dynamo Dresden zum Fußball fahren, Jugendlichen, die hier in der Gegend wohnen, und natürlich auch Jugendliche, die sich von dem ein oder anderen rechtsextremen Spruch beeinflussen lassen.“ Eine gefestigte rechtsextreme Szene habe man nicht im Stadtteil Pirna-Copitz zu verzeichnen, so Sauer weiter.
Genau in diesem Stadtteil Copitz gibt es seit einigen Wochen mit dem Herder-Gymnasium die erste „Schule ohne Rassismus“ in Pirna. Die Verleihung des Titel wurde mit etwa 100 Polizisten vor den „erlebnisorientierten Fans“ der Copitz-Front geschützt, Schüler des Gymnasiums erhielten Hinweise, dass diese Vereinigung die Verleihung stören wollten. Passiert ist dies allerdings nicht, die Titel-Verleihung innerhalb eines „Antirassistischen Schulfest“ verlief friedlich.
„Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“
Der Titel „Schule ohne Rassismus“ wird vom Verein Aktion Courage an Schulen verliehen, die sich öffentlich gegen Rassismus und rechte Gedanken stellen. Dies müssen 70% aller Schüler und Lehrer mit ihrer Unterschrift bekräftigen. Am Herder-Gymnasium waren es 70,9%. Daneben müssen sich die Schüler mit der Bedeutung von Rechtsextremismus auseinandersetzen. In Vorträgen und Diskussionsrunden wurden die Positionen zu Rassismus auch in den 5. und 6. Klassen erforscht.
Überrascht zeigte sich eine der Organisatorinnen, die Abiturientin Sandra Loth, von den Kleinsten an der Schule. „Schon vom Elternhaus wurde vermittelt, dass Polen klauen.“ Gedanken haben sich die jungen Schüler, wie auch die meisten Erwachsenen, nie über diese Aussagen. Dennoch, so Sandra Loth, diskutierten die Schüler nach der Veranstaltung über das Thema. „Es gab so viele unterschiedliche Positionen dazu, obwohl die Schüler noch so jung waren und es war erstaunlich, wie stark die Meinung schon war.“
Gewalt ist nur die Spitze des Eisbergs
Zusammen mit ihrem Paten, dem Historiker Hugo Jensch, will die „Schule ohne Rassismus“ langfristig die Schüler über Rechtsextremismus aufklären. Jensch hofft, dass dadurch Impulse gegen rechte, negative Tendenzen ausgehen. Er hofft, „dass dieses Problem […] immer wieder Köpfe und Herzen in Bewegung setzt und dazu führt, dass Toleranz, Anerkennung des anderen und Achtung aller Menschen zum Fundament eigenen Denkens und Handelns wird.“ Dieses Umdenken in den Köpfen ist das Entscheidende, um erfolgreich gegen Rechtsextremismus vorzugehen. Man könne rechte Einstellungen, so Jensch weiter, nicht an den Wahlergebnissen der NPD fest machen. Auch die Gewalttaten und Schmierereien, soweit polizeilich erfasst, seien kein Indiz für das wahre Ausmaß dieser „tief verwurzelten Gedanken- und Gefühlswelt“.
Den Nährboden für die rechten Tendenzen liefert sicherlich die schwieriger soziale Lage einiger Menschen, die deswegen animiert werden „einfache Auswege zu suchen, die darin bestehen, dass man zuerst sich selbst, zu erst das eigene Volk, das eigene Land sieht und auf diese Weise fremde, rassisch angeblich andersartige ausgrenzt“. Kommt es erst einmal zu dieser Entwicklung, so der Historiker weiter, könne sich dies auch in Gewaltausbrüchen äußern. „Aber diese Gewaltausbrüche sind lediglich die Spitze des Eisbergs.“
Hoffnung auf ein angenehmeres Leben
Familie Bittermann-Mutouo hofft, dass durch massiven Druck der Öffentlichkeit rechte Einstellungen geächtet werden. „Noch ist es so, dass unsere Jugendlichen das Land oder die Region schnellstmöglich verlassen. Wer sich dem rechten Mainstream nicht anpassen will, oder ‚anders’ aussieht, ist damit gut beraten“ ist ihre resignierte Auffassung. Aus der No-Go Area soll nach Vorstellung der Bürgerinitiative afroeuropäische Familien, eine Region werden, in der alle Menschen ein normales und angenehmes Leben führen können. Heute sei dies noch nicht möglich. „Mir tut das einzige schwarze Kind leid, welches die hiesige Goethe Schule besucht und frühmorgens immer einsam und allein für sich steht.“
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