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Donnerstag, 31. Mai, Alter: 5 Jahre » Zurück

Von: Stefan Gottwald

Interview mit Gabriele Hooffacker zum Online-Journalismus

Handwerk mit spezifischen Regeln

Zeitungsverlage mussten erfahren, dass Schreiben für ein Online-Medium anders funktioniert. Worauf es dabei ankommt, vermittelt Gabriele Hoofacker in ihrer Münchener Journalistenakademie. Mit medien-mittweida.de sprach sie über die besonderen Anforderungen des Online-Journalismus.

Gabriele Hooffacker

Gabriele Hooffacker, Leiterin der Journalistenakademie Dr. Hooffacker & Partner, München (Foto: Gabriele Hooffacker)

Gemeinsam mit Peter Lokk gründete Gabriele Hooffacker 1999 die Jounalistenakademie "Dr. Hooffacker & Partner" in München. Der erste, damals noch zwölf Monate dauernde, Lehrgang "Online-Journalismus" startete bereits ein Jahr später. Die ersten Erfahrungen und das praktisches Wissen dazu, eigneten sich beide schon früh an. Während ihrer Studienzeit gründeten sie eine Studentenzeitung an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität. Später eröffneten sie den "Münchner Medienladen" und das "Frohburger Medienhaus" bei Leipzig als Lernort für den Umgang mit dem Medium Internet und Neue Medien. Seit 1999 organisiert Gabriele Hooffacker gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung die Münchner Mediengespräche. Sie hat Lehraufträge an der Universität Leipzig, an der katholischen Universität Eichstätt und ist Dozentin an der Akademie der bayerischen Presse. Gabriele Hooffacker ist Mitherausgeberin der "La Roche"-Lehrbuchreihe "Journalistische Praxis". Sie veröffentlichte unter anderem das Buch "Online-Journalismus – Schreiben und Gestalten für das Internet".

Frau Hooffacker, gibt es signifikante Unterschiede zwischen der Tätigkeit eines Onlinejournalisten und den Kollegen aus Print, Radio oder TV? Worauf müssen Journalisten achten, wenn sie Online publizieren wollen?

Dass Schreiben für ein Online-Medium einfach dasselbe sei, wie Schreiben für die Lokalzeitung, ist ein Irrtum. Das haben die Zeitungsverlage schmerzlich erfahren müssen. Spätestens seit der Diskussion um die partizipativen Möglichkeiten, die das Schlagwort Web 2.0 unter anderem bezeichnet, muss allen klar sein: Online-Journalismus ist ein Handwerk mit medienspezifischen Regeln, genau wie Radio- oder Fernsehjournalismus. Diese Regeln sollten Online-Journalisten beherrschen.

Können Sie Beispiele für diese Regeln nennen?

Nehmen wir das Thema "Leben mit Kindern - besser in der Stadt oder auf dem Land?". Wo der Tageszeitungsredakteur überlegt, eine Reportage zu verfassen, wo der Radio- oder Fernsehjournalist vielleicht ein Feature plant, konzipiert der Online-Journalist gleich mehreres:
- Ein Dossier zum Thema, bei dem einzelne Beiträge miteinander verlinkt sind und eine eigene Sub-Navigation enthalten. Die Beiträge können Porträts, Interviews, Zahlen und Fakten, Bildstrecken oder ähnliches sein. Dazu gehören Teaser sowie ein einleitender Beitrag.
- Eine Möglichkeit für die User aktiv zu werden. So zum Beispiel: "Lassen Sie Ihre Kinder ihre Meinung sagen" (Audio) oder "Schicken Sie uns Ihre schönsten Fotos - wir veröffentlichen die besten im Web".
- Eventuell ein Diskussionsforum oder mehrere Blogs zum Thema.

Journalisten im Onlinebereich arbeiten unter einem größeren Zeitdruck. Was halten Sie von der "Web first"-Praxis? Muss man, um schneller als die Konkurrenz zu sein, auf Qualität verzichten?

Dass "Online first" so etwas bedeutet wie "lieber schnell als gut", halte ich für ein Missverständnis. Die Crossmedialität verlangt eine Aufgabenteilung: Was muss online veröffentlicht werden? Was passt besser ins gedruckte Blatt? Wo ist tatsächlich ein Audio- oder Videoclip sinnvoll? Wie verzahnen wir die unterschiedlichen Medienangebote miteinander?

Onlineangebote kennen im Gegensatz zur Zeitung keinen Redaktionsschluss. Wie gestalten die meisten Redaktionen ihren Arbeitsablauf, gibt es gravierende Unterschiede in der Zeiteinteilung gegenüber den anderen Medien?

Der Arbeitstag in einer Online-Redaktion bei Spiegel Online oder Focus Online ähnelt eher der einer Radio-Nachrichtenredaktion. Im Tagesverlauf werden die aktuellen Nachrichten und Berichte aufgebaut, abends steht den Usern dann ein kompletter Tagesüberblick zur Verfügung. Online-Redaktionen von Unternehmen und Institutionen folgen anderen, unternehmensspezifischen, Rhythmen.

Durch das Setzen von immer mehr Boulevardthemen, langen Bilderstrecken und anderen Maßnahmen soll die Anzahl der Page Impressions gesteigert werden, um Werbekunden mit diesen Zahlen beeindrucken zu können. Gute Inhalte bleiben dabei immer mehr auf der Strecke. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Nutzerforschung ist im Zeitalter der Ökonomisierung der Medien für alle Publikationen überlebensnotwendig. Ob die Schlussfolgerung "Jetzt machen wir nur noch Bildstrecken" als langfristige Strategie tragfähig ist, wage ich zu bezweifeln. Kurzfristig treibt das die Klickraten in die Höhe – das ändert sich aber rasch, wenn auf allen Kanälen die immer gleichen Bildstrecken zu sehen sind...

Welche Trends erwarten Sie für 2007/2008 in der Medienbranche und speziell im Online-Journalismus?

Die Ökonomisierung der Medien wird weiter fortschreiten. Das bedeutet: mehr Mehrfachnutzung/Syndication, mehr Rationalisierung und Automatisierung. Entscheidende Fragen werden sein: Welche journalistischen Tätigkeiten und Handgriffe lassen sich nicht automatisieren? Was profiliert professionelle Journalisten gegenüber Laienjournalisten?

Wie wird in der Zukunft ein Anforderungsprofil für einen Journalisten in der digitalen Welt aussehen? Müssen sie alles können - von Recherche über Foto- und Kameraaufnahme bis zum Schnitt? Oder gibt es auch künftig die Trennung in einzelne Aufgabenfelder?

Die vielfältigen Aufgaben, vor denen Journalisten im Zeitalter der Digitalisierung stehen, stellen sich je nach Medium in wechselnder Zusammensetzung: Nicht überall wird alles gefordert. Es wird vermutlich weiterhin hoch spezialisierte Jobs geben – und daneben solche, in denen praktisch alle Tätigkeitsbereiche gefordert sind. Für Einsteiger ist es umso wichtiger, sich eine möglichst umfassende Ausbildung zu verschaffen – spezialisieren kann man sich dann immer noch.

Sehen Sie Blogs als Bereicherung für den Nutzer? Was können Ihrer Meinung nach Blogs leisten und was nicht?

Selbst ein Blog zu betreiben, ist sicherlich eine gute Fingerübung für angehende Journalisten. Mit einfachen Statistik-Tools lässt sich überprüfen, ob das, was man da treibt, auch für andere Nutzer interessant ist. Außerdem kann man die Möglichkeiten des Web 2.0 damit gut erproben. Für welche Art von Blog man sich entscheidet, ob man ein Watchblog á la Bildblog betreibt, ein Foto- oder Videoblog oder etwas ganz anderes, hängt sicherlich von den persönlichen Stärken ab. Ein Ersatz für die Mitarbeit in einer Redaktion während des Studiums, ein Praktikum oder ein richtiges Volontariat ist das aber nicht.

Vielen Dank für das Interview.



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