Von: Mario Fuerderer
Referenten des 11. Medienforums Mittweida: Rainer Meyer
"Es ging um den Sieg des Neuen über das Alte"
Rainer Meyer - oder vielmehr seine prominente Kunstfigur Don Alphonso - ist seit Jahren eine bekannte Figur der Blogosphäre. Durch seine schonungslose Abrechnung mit der New Economy polarisiert er jedoch wie kaum ein anderer. Heute stellt medien-mittweida.de Reiner Meyer als Referent des Medienforums vor.
Rainer Meyer, besser bekannt unter dem Namen seiner Kunstfigur "Don Alphonso", spaltet die Gemüter der Blogosphäre und die der Medienlandschaft wie kaum ein anderer. Seine stets schonungslose Art, sich auf seinen Blogs "blogbar" und "Rebellen ohne Markt" mit spitzer Feder und scharfer Polemik Themen der Wirtschaft und der Medien anzunehmen, polarisiert nicht erst seitdem er im vergangenen Jahr den aufstrebenden Stern der "New Economy 2.0", den deutschen Facebook-Klon StudiVZ, auf seinem Blog ins Visier nahm. Bereits im Jahr 2001 waren seine Texte für die damals sehr populäre Internetseite dotcomtod.com - eine Seite über scheiternde Unternehmen der New Economy - mehr als berüchtigt.
Rainer Meyer, Jahrgang 1967, ist Blogger der ersten Stunde, Buchautor und Journalist - letzteres seit 1998 allerdings eher "zufällig" als Deutschland-Korrespondend und Büroleiter der in New York erscheinenden deutsch-jüdischen Zeitung "Aufbau". Seit 1999 gewann Meyer zweimal den alternativen Medienpreis der Nürnberger Medienakademie im Rahmen seiner Arbeit als Radiomacher für die IKG München und Oberbayern. Im Jahr 2001 beschäftigte sich Meyer mit dem Fall der New Economy und trug mit seiner Mitarbeit maßgeblich zum Erfolg von dotcomtod.com, dem "führenden Anbieter für exitorientierte Unternehmensmeldungen", bei, welches 2002 ebenfalls den alternativen Medienpreis erhielt. Auf Basis dieser Erfahrungen entstand der 2003 veröffentlichte Roman "Liquide", der das Leben, Arbeiten und Sterben von Liquidatoren (Berater, die im Auftrag von Investoren die Kontrolle von Firmen übernehmen) in der Münchner Region beschreibt. Im darauf folgenden Jahr erschien das zusammen mit Kai Pahl herausgegebene Standardwerk über die Blogkultur "Blogs!" bei Schwarzkopf&Schwarzkopf. Seit 2003 ist Meyer Autor des als Weiterführung von "Blogs!" zu verstehenden Weblogs blogbar.de und des die "Folgen des Niedergangs der digitalen Wirtschaft und ihrer verlorenen Generation" thematisierenden Blogs "Rebellen ohne Markt".
Wir haben uns im Vorfeld mit Rainer Meyer über seine Kunstfigur Don Alphonso, den Journalismus und die "New Economy 2.0" unterhalten.
Ist Don Alphonso ein Psyeudonym oder eher ein Alter ego?
Wenn man es genau betrachtet, ist Don Alphonso eine Kunstfigur. Eine Literarisierung meiner richtigen Persönlichkeit, die weit genug weg von meiner eigentlich Persönlichkeit ist, als das ich mir das Gerede um Don Alphonso nicht zu Herzen nehmen müsste. Es ist eigentlich eine sehr angenehme Erscheinung, die es auch erlaubt, neben dieser Online-Existenz auch noch ein normales Leben zu führen, das überhaupt nichts mit den ganzen Sachen des Don Alphonsos zutun hat.
Was unterscheidet deine beiden Blogs "Rebellen ohne Markt" und "blogbar" rein thematisch?
"Rebellen ohne Markt" ist mein persönliches Ding. Dabei geht es um meine Restaurierungsarbeiten in meinem Stadtpalast – das ist jetzt kein Witz, ich hab tatsächlich so ein Ding hier rumstehen -, um meine Pflanzen, Antiquitäten und politische Dinge. Die "blogbar" ist hingegen auf Web 2.0, "die neue New Economy" und die Blogosphäre fokussiert.
War es eigentlich ein Unfall oder gewollt, dass die Person hinter Don Alphonso bekannt wurde?
Nein, ich stand auch schon als Rainer Meyer im Impressum von dotcomtod.com. Als ich meinen ersten Roman geschrieben habe war es dann völlig klar, dass es bekannt werden würde. Bei Lesungen konnte ich mich ja auch nicht mit der Tüte überm Kopf hinstellen. Lustigerweise hat es aber dennoch Jahre gedauert, bis die Leute darauf gekommen sind, wer ich bin. Die Recherchefähigkeit ist bei vielen also nicht weit gediehen. Ich lese heute noch Sätze wie "Der Berliner Autor Reiner Meyer" – Dabei wohne ich seit über zwei Jahren nicht mehr in Berlin. Aber mei, so san die Leut’ halt…
Worin bestand deine Arbeit für dotcomtod?
Ich habe damals mitten in der New Economy gelebt, sehr viele Leute persönlich gekannt und – auch bedingt durch die Tätigkeit, die ich damals ausgeführt habe - viel gehört. Dadurch habe ich bei dotcomtod.com damals mit die ersten größeren Insider geschrieben, Geschichten also, die nicht hätten veröffentlicht werden sollen. Das war natürlich nicht immer einfach, weil die Leute natürlich nicht immer wissen sollten, was ich da tue - aber alles in allem sehr spaßig. Natürlich werden einem nicht nur Sachen erzählt, damit darüber geschwiegen wird, sondern es gibt auch Dinge die einem erzählt werden, damit man sie weiter trägt. Meine Aufgabe war also selbst gewählt und ich wollte einfach Geschichten über den Irrsinn schreiben, in dem ich da eben tätig war. Damit hält diese ganze Web 2.0-Sache nicht im Geringsten mit. Die New Economy war damals ein von Geld strotzendes Mysterium, völlig außer Rand und Band. Es gab niemanden der etwas hinterfragt hat. Das hat natürlich dazu geführt, dass in weiten Teilen der Berichterstattung ein Medium nach dem anderen schön langsam auf die Berichterstattung von dotcomtod eingeschwenkt ist. Ich kann es jedem nur raten, sich mal alte Ausgaben des Manager-Magazins aus den Jahren 1999 oder 2000 zu nehmen – sie lesen sich heute wie Berichte aus dem Irrenhaus. Man wird es nicht glauben, dass die Leute damals so etwas geschrieben haben – Völlig gaga. dotcomtod hat dabei geholfen, die ganze Sache etwas realistischer zu gestalten.
War die New Economy damals tatsächlich das einzige schwarze Schaf der Wirtschaft – Waren andere Branchen wie beispielsweise die Pharmaindustrie denn deutlich besser?
Es gab einen kleinen Unterschied zwischen der New Economy und der Pharmaindustrie, die sicher in weiten Teilen auch unerfreuliche Dinge macht. Und zwar hatte die Pharmaindustrie ein reales Geschäftsmodell: Man hat vorne Geld reingesteckt und hinten kam ein Medikament raus, was man dann verkaufen konnte. Die New Economy hat hingegen nichts produziert, was irgendwie werthaltig war. Das einzige was werthaltig war, war die Hoffnung der Investoren, dass es irgendwann mal viel Geld an der Börse geben wird.
Es gab den festen Glauben, dass alles irgendwann einmal "toll" werden würde. Es war eine Zeit, in der man glaube, dass man eine Firma innerhalb von sechs Monaten vom Nichts zum Börsengang bringen konnte. Eine Zeit, in der Internetagenturen teilweise mehr wert waren als die Lufthansa. Es gab sogar Klitschen, die vielleicht seit drei oder vier Jahre existiert haben und die Lufthansa hätten kaufen können. In der New Economy hat es eine Firma wie AOL mit ein paar dämlichen Internetanschlüssen tatsächlich geschafft, ein Unternehmen wie Time Warner zu übernehmen – Einer der größten Medienkonzerne der Welt wird zum Opfer eines blöden Kabelverlegers. Damals ging es einfach nur um den Sieg des Neuen über das Alte. Dieser galoppierende Irrsinn, der damals existierte, hat danach geschrieen, dass man ihn mal hinterfragt.
Gibt es einen DonAlphonso 2.0, der seine Bookmarks bei Mister Wong oder del.icio.us ablegt, seinen Freunden über XING zum Geburtstag gratuliert, seine Fotos bei Sevenload hochläd und Musik über last.fm hört?
No, No, Never ever! Das ist mir völlig fremd. Was ich immer wollte war ein kleiner Kasten, wo ich meine Texte reinschreiben und auf "Abspeichern" klicken kann – Mehr will ich nicht. Ich brauche keine Trackbacks, keine Pingsbacks und keine Social Bookmarks. Im Zentrum des Bloggens steht für mich der Text und sonst gar nichts - das ist mein fester Glaube. Entweder der Text ist gut oder schlecht, aber er wird nicht besser wenn er "ge-wong’t" oder ge-irgendwas’t wird. Ich schreibe ungern schlechte Texte, ich geb mir sehr viel Mühe bei dem was ich schreibe und deshalb ist mit der ganze andere Krempel auch völlig egal.
Wie wirkt Web 2.0 und die daraus abgeleitete "New Economy 2.0" auf dich? - Wie der Beginn eines Déjà Vues oder eher wie eine New Economy, wie sie eigentlich hätte sein sollen?
Ich glaube, dass das Web 2.0 eine ganz miserable Sache ist, weil es vor allem auf der Ausbeutung von Arbeitskräften – dem so genannten "AAL-Prinzip" ("Andere Arbeiten Lassen") – basiert. Natürlich gibt es auch ein paar Erlebnisse, wo man denkt "das hatten wir doch alles schon einmal". Diese ganze Euphorie und diese völlig verblödeten Medienunternehmen, die auch den letzten Käse noch kaufen, weil sie denken, dass sie damit ihre verlorenen Abonnenten im Internet wieder finden.
Aber es gibt einen riesigen Unterschied. Als ich in der New Economy war, saß ich in der Straße, wo alle saßen. Da war meine Wohnung. Ich konnte aus dem Haus raus gehen und ich hatte diese Typen vor meiner Nase. Wenn man da arbeitet sieht man natürlich auch, dass die Zahlen in Wirklichkeit schlecht sind. Einerseits ist man distanziert aber andererseits sind die Leute Charmant und kennen einen – man ist da irgendwo persönlich involviert und sagt es den Leuten eben ungern, dass es nicht besonders gut läuft.
Was würdest du einem jungen Studenten raten, der eine geniale Idee für ein Web 2.0-Projekt hat und diese nun umsetzen will?
Das hängt davon ab, um was für ein Projekt es sich dabei handelt. Wenn man damit Geld verdienen will, sollte man versuchen Investoren raus zu halten, man sollte versuchen das Geld was man braucht irgendwo anders herzukriegen und vom ersten Moment an Cash-Flow positiv zu arbeiten. Es hat sich bei der New Economy gezeigt, dass die Unternehmen die versucht haben den Cash-Flow positiv zu machen, diejenigen waren, die am längsten Bestand haben. Die sind vielleicht nicht am schnellsten gewachsen, aber sie haben einfach von Anfang an gewusst, wie sie überleben. Man sollte sich nie von jemandem abhängig machen. Man sollte vor allem darauf achten, wer in seinem Team ist. Nie jemanden nehmen, weil es ein guter Kumpel ist.
Das mag alles nicht der schnellste Weg sein, aber ich glaube immer noch, dass die größte Gefahr schlechte Investoren und schlechte Freunde sind. An allem anderen kann man schrauben. Dieses ganze Web 2.0-Business ist so dynamisch und schnell – man kann immer den Businessplan mal ändern, man kann immer die Geschäftsidee erweitern oder einen neuen Fokus legen – das entscheidend sind jedoch die Leute und die Einstellung. Im Zweifelsfall sollte man sich darüber bewusst sein, dass man in einem Start-Up die Verantwortung für Menschen trägt und wenn man so etwas mal gemacht hat und es schief gegangen ist, wird man sicher eine ganze Zeit brauchen um wieder normal auf den Füßen stehen zu können.
Wo liegen deiner Meinung nach die Grenzen des klassischen Journalismusses, wie er bis vor einigen Jahren noch überwiegend betrieben wurde?
Ich denke, dass das Internet sehr viel schneller geworden ist. Recherchieren ist heute zum großen Teil kein Problem mehr. Wir haben einen Journalismus, der in gewisser Hinsicht zeitlich und räumlich enorm entgrenzt wurde. Aber diese Entgrenzung bringt natürlich auch Probleme mit sich. Die alten Grenzen, die man als Journalist so kannte – also durch Beschränkungen des Archivs und diese ganzen Sachen – fallen heutzutage weg. Die Grenzen des neuen Journalismusses liegen meines Erachtens nach eher darin, sich zu irgendwelchen Schludrigkeiten verführen zu lassen, in dem man etwa sagt "okay, die ersten 10 Ergebnisse bei Google reichen aus". Sie liegen darin, dass man durch Google gewissermaßen die Recherche und das eigene Hirn durch den Computer ersetzt.
In wie fern kann oder muss man die an Journalistische Darstellungsformen gestellten Ansprüche auch für Blogs anwenden?
Ich glaube man wird Schwierigkeiten haben, so etwas für Blogs durchzusetzen. Beim Journalismus ist es ja relativ einfach. Beim Journalismus kann man sagen, es gibt einen Chefredakteur als Instanz und Abonnentenzahlen als Überprüfung. Beim Bloggen ist das völlig irrelevant. Man kommt an die Blogger so auch nicht wirklich ran, man kann Ihnen keine Vorschriften machen. Das ist auch gut so. Es sei denn es sind irgendwelche Sachen, die dem Wettbewerbsrecht widersprechen oder eben Schleichwerbung umfassen. Dass sowas nicht okay ist, ist klar, aber was die rein journalistischen Formen angeht, wird man wohl mit dem Wildwuchs leben müssen. Ich finde ihn persönlich aber auch überhaupt nicht schlimm, weil er gerade Journalisten, die eben der Meinung sind, sie wüssten wie es geht, beweist, das sie es nicht wissen und dass durchaus andere Formen möglich sind, an die wir Journalisten normalerweise gar nicht denken würden.
Ist es angesichts jüngster Vorfälle wie der des Unternehems "Callactive", welches den Blogger Stefan Niggemeier per Anwalt mundtot gemacht hat, vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, bis der Traum von Blogs als Plattform für freie Meinungsäußerung nicht mehr existent ist?
Nein, weil Stefan Niggemer ja nicht als Blogger mundtot gemacht wurde, und meines Erachtens nach auch nicht mundtot zu machen sein wird. Da braucht es schon etwas mehr dazu, als so eine einzelne Abmahnung. Das ist ja auch nicht das erste mal, dass Stefan Niggemeier so etwas passiert ist, da gab es ja schon ein paar Fälle und es hat ihn ja nicht gerade dazu gebracht zu schweigen. Er wurde ja nicht für etwas abgemahnt, was er geschrieben hat und was er selbst hätte kontrollieren können, sondern dafür, dass er "problematische" Kommentare von seinen Besuchern hat stehen lassen. Insofern reden die hier über eine Gefahrenquelle, die man eigentlich ausschließen kann. Das ist etwas, wo man als Blogger natürlich immer selbst die Verantwortung dafür trägt. Ich bin auf der einen Seite etwas skeptisch, was die Betrachtung dieser großen, herausragenden Fälle angeht. Natürlich ist Callactive jetzt ein großes Thema und natürlich auch das was bei StudiVZ momentan passiert, das sind große Aufreger, aber das meiste was Blogger machen, ist einfach nur das Erzählen ihrer privaten Sachen und auch das ist nicht gefährdet. Die andere Seite ist natürlich, dass Unternehmen versuchen, sich da nach vorne zu drängen und es teilweise auch schaffen. Es gibt genauso Unternehmen, die verheerende Niederlagen erleiden.
Das deutsche Abmahnwesen ist ohne jede Frage reformierungsbedürftig – was da läuft ist völlig unsäglich. Die Größe der betroffenen Blogs und die Leichtigkeit mit der das Mittel Abmahnung eingesetzt wird, hat nichts mehr mit der Realität zu tun. Da läuft einfach was schief. Aber trotzdem glaube ich, dass man sich durchaus auch wehren kann und gute Aussichten hat. Ansonsten mag es zwar nicht immer unbedingt das netteste gegenüber einer Firma sein, aber man kann natürlich auch ein Blog in den USA anmelden und es wird keinen Menschen in der Welt geben, der in der Lage dazu ist, einem da zunahe zu kommen. Stefan Niggemeier hat natürlich das Problem, dass er dazu als Prominenter Blogger nicht in der Lage ist.
Vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch.
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Reiner Meyer als Journalisten zu beziffern ist schon sehr armselig. Sehr peinlich! Seine Beiträge sind oft reinste Polemik und teilweise auch zielgerichtete Fehldarstellung bzw. Beleuchtung von Fakten die mit einer Sache nichts zu tun haben, Dinge aber anders erscheinen lassen. Reiner Meyer ist unseriös.