Von: Claudia Maehler
Der Wendepunkt der Friedlichen Revolution droht in Vergessenheit zu geraten
9. Oktober 1989 – Der blinde Fleck
70 000 Menschen gingen heute vor 18 Jahren in Leipzig auf die Straße, um für das zu demonstrieren, was heute selbstverständlich erscheint: Meinungs- und Pressefreiheit, das Recht zu Reisen und politisches Mitspracherecht. Am 9. Oktober 1989 fand in der DDR die größte Demonstration seit dem Juniaufstand 1953 statt.
Friedlich, aber bestimmt sprach man sich damit gegen das SED- Regime und seine Freiheitsbeschränkungen aus.
Einen Monat vor dem Mauerfall begann an diesem Tag ein Wendepunkt der Geschichte und bereitete den Weg zur Friedlichen Revolution und somit zum Ende der DDR.
Obwohl seitens der Partei mit Waffengewalt, Wasserwerfern und Verhaftungen gedroht wurde, verlief die Demonstration auf beiden Seiten friedlich. Die Staatsgewalt musste angesichts der enormen Mehrheit der Demonstranten nachgeben. Der Tag war Ausgangspunkt zahlreicher Ereignisse, die sich von nun an überstürzten. Am 18. Oktober 1989 tritt Staatschef Erich Honecker von seinem Amt zurück. In den kommenden Wochen beteiligten sich immer mehr Menschen an den Montagsdemonstrationen. Am 4. November 1989 erwirkten in Berlin eine Million DDR-Bürger die Presse- und Versammlungsfreiheit. Fünf Tage später fiel die Berliner Mauer. Am 3. Oktober 1990 wurde die Wiedervereinigung Deutschlands gefeiert.
Trotz dieser geschichtlichen Bedeutung ist dieses Datum heute in den Medien und der Öffentlichkeit relativ unbekannt. Liegt es daran, dass es vom 9. Oktober 1989 nur sehr wenige, nicht Aufsehen erregende Fotos gibt, weil es eben derzeit keine Pressefreiheit gab? Musste er anderen – vermeintlich bedeutsameren – geschichtlichen Ereignissen weichen? Oder ist es einfach nur zu lange her, um noch als Gesprächsstoff in der Gesellschaft zu dienen?
Aufklärung in der Öffentlichkeit
Vielleicht ist aber im Zuge der Entwicklungen die Aufarbeitung zu kurz gekommen. Martin Jankowski stellt in seinem Buch "9. Oktober 1989 – Der Tag, der Deutschland veränderte" fest, dass man sich erst seit ein paar Jahren wieder intensiv mit dem Thema auseinandersetzt.
Dennoch viel zu wenig: "Es gibt, bis auf lokale und recht einseitige Ehrungen der Kirchen in Leipzig, keinerlei angemessenes öffentliches Bewusstsein und Bewertung. Eine nationale Diskussion und Wahrnehmung ist bitter nötig", so der Autors gegenüber medien-mittweida.de.
Auf die Frage, wie er die Debatte um diesen Tag in Politik und Gesellschaft einschätze, gibt er eine deutliche Antwort: "Es fehlt eine gesamtdeutsche Darstellung, Debatte und angemessene Würdigung." Jankowski selbst ist gegen Straßennamen oder Feiertage, er will stattdessen historisches Wissen und Aufklärung in der Öffentlichkeit. Der Tag sei historisch gewichtiger als der 17. Juni - den kenne heute jeder, den 9. Oktober niemand. Dies sei absolut unangemessen und sogar gefährlich, da es das Geschichtsbild der DDR einseitig negativ verzerre.
Jankowski und auch einige Historiker sehen die Gefahr vor allem darin, dass der Tag zunehmend in Vergessenheit gerät. "Die kurzen lokalen Debatten zu Gedenktagen können darüber nicht hinwegtäuschen ... ", so das klare Urteil des Schriftstellers.
Daher kann nur versucht werden, die Aufklärung über dieses historische Ereignis – sei es im Geschichtsunterricht, in Gesprächen oder über die Medien – voran zu treiben und die Chancen, die dieser Tag für die Gesellschaft birgt, zu nutzen:
"Der 9. Oktober hat Deutschland und Europa binnen weniger Stunden grundlegend verändert. Er war ein politischer und gesellschaftlicher Erdrutsch [...]! Er ist ein einmaliges, erfreuliches Ereignis in der deutschen Demokratiegeschichte und global gesehen auch in der Geschichte des Gewaltlosen Widerstandes. Er begründet positiv unsere heutige politische Realität und Identität: Wenn man als Deutscher auf etwas in unserer Geschichte stolz sein kann, dann auf dieses Ereignis... ".
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