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Montag, 20. Oktober, Alter: 1 Jahre » Zurück

Von: Sander Schmidt

Interview mit dem Herausgeber des Blogs "Islamic Finance"

Bleibt und ist ein Nischenmarkt

Ist eine Wirtschaftsform nach den Regeln der Sharia eine Alternative? Und vor allem: Kann das westliche Finanzsystem von den islamischen Banken lernen? medien-mittweida.de sprach mit dem Betreiber des Blogs "Islamic Finance" über islamisches Finanzwesen im Hintergrund der aktuellen Finanzkrise.

Alexander Hinz

Interview mit Alexander Hinz über Islamic Finance. (Quelle: Alexander Hinz)

Alexander Hinz hat an der Universität Leipzig Internationale Beziehungen studiert. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Wechselwirkung zwischen politischen Islam und ökonomischen Prozessen. Im Moment arbeitet er für die PricewaterhouseCoopers AG in Frankfurt undbetreibt privat einen Blog zum Thema Islamic Finance www.islamische-finanzdienstleistungen.blogspot.com.

Islamic Finance arbeitet komplett ohne Zinsen. Die sind nach der Sharia, der islamischen Rechtslehre verboten. Wie kann das funktionieren?

Das Wesen und die Rolle von Finanzsystemen im Islam erklärt sich aus dem Einfluss der Scharia als rechtliche und moralische Handlungsrichtlinie und dem in ihr enthaltenen sozial-ethischen Gedankengut, das in eine islamische Wirtschaftsethik einfließt. Die Scharia zielt auf soziale und ökonomische Verteilungsgerechtigkeit und Solidarität ab. Geld wird nicht als selbst arbeitende Gewinnanlage betrachtet, sondern als ein Mittel zur Schaffung von Wohlstand für die Gesamtheit der muslimischen Gemeinschaft. In einer islamischen Wirtschaft werden Handel und Unternehmertum gefördert.

Gewinne aus Handel und Investitionen sind erlaubt. Jedoch sollen Investitionen nicht spekulativ, sondern produktiv sein. Sie dürfen in Form von Risikobeteiligungen an Unternehmen, deren Produkte der islamischen Moral nicht widersprechen, getätigt werden. So sollen wirtschaftliche Kooperationen und soziale Gleichheit begünstigt werden. Sieht ein Muslim sich nicht in der Lage, seine finanziellen Ressourcen selbst konstruktiv auszugeben, so hat er die Pflicht, sie anderen in Form einer Beteilungsfinanzierung zur Verfügung zu stellen. So soll eine gesamtgesellschaftlich effiziente Verteilung von Kapital nach Kriterien von Produktivität und Rendite erfolgen.

Auch ist es verpönt reine Finanzgeschäfte zu tätigen. Gerade die westlichen Banken haben darüber in den letzten Jahren hohe Renditen eingefahren. Daran können Banken, die nur mit scharia-konformen Finanzinstrumenten handeln, nicht teilhaben. Sind sie ihrer Meinung nach im Nachteil?

Der Begriff "reine Finanzgeschäfte" ist hier wohl ebenso irreführend wie die Frage nach dem moralisch besseren Wirtschaften. Festhalten kann man aber, dass Banken die mit scharia-konformen Finanzprodukten arbeiten in ihrer Produktgestaltung deutlich eingeschränkt sind. Global ist Islamic Banking mit jährlich rund 15 Prozent ein Wachstumssektor, der mit einer Größe von ungefähr 270 Milliarden US-Dollar zweitrangig ist, zunehmend aber für westliche Banken an Attraktivität gewinnt. Dabei ist ein Trend hin zu neuen, ausgeklügelten Finanzprodukten und zinsfreien Kapital- und Geldmärkten zu beobachten.

Es ist weiterhin wichtig, dass jede Investition auch einen gemeinschaftlichen Nutzen hat – die so genannte maslaha. In Deutschland verbreiten Wirtschaftsinstitutionen seit einigen Jahren "Sozial ist was Arbeit schafft". Reden wir hier schon von einem sozialen Nutzen im Sinne des Islamic Finance?

Ich denke, an dieser Stelle sollten reformistische islamische Konzepte nicht mit einem Wahlkampfslogan der CDU vermischt werden. Man kann das maslaha-Prinzip jedoch in die Frage transformieren, ob eine Handlung dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen oder Wohlfahrt dient. Ob jegliche Form von Beschäftigungsverhältnis per se - Stichwort: Zeitarbeit, Minijobs - schon der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt dienen, darf meiner Ansicht nach jedoch bezweifelt werden.

Die jetzige Wirtschaftskrise lösten vor allem Finanzprodukte aus, die auf Forderungen an praktisch nicht solvente Kunden aufbauten. Die KfW-Bankengruppe informiert, dass Finanzinstrumente die geringe Bonität aufweisen per se ausgeschlossen sind. Sind Banken die nach den Regeln der Sharia handeln in diesem Punkt fortschrittlicher?

Hier findet sich eine Wechselwirkung aus zwei Problemkomplexen. Zum einen der Frage wie und an wen werden die Kredite vergeben und zum anderen auf welchen Renditevorstellungen basieren etwaige Produkte. Die aktuelle mediale Diskussion zu Produkten, die auf Grund ihres spekulativen Charakters nicht nur ein hohes Risiko beinhalten, sondern auch von Kunden gar nicht verstanden werden – berührt Islamic-Finance-Produkte in der Regel nicht. Weder die Modelle zu islamischen Beteiligungsfinanzierungen noch die hier verwendeten Formen der Sachmittelkredite enthalten solche Risiken. In welcher Form die Scharia hingegen einheitliche Möglichkeiten zur Bonitätsprüfung vorsieht ist eine spannende Frage – die ich nicht beantworten kann.

Ob das Wechselspiel aus geringerer Rendite und geringerem Risiko nach dem Abklingen der Finanzkrise neue Kundenschichten ansprechen kann bleibt offen. Bisher waren die Institute damit bei den muslimischen Kunden nur sehr begrenzt erfolgreich.

Kann das westliche Finanzsystem von den modernen islamischen Banken lernen, um eine weitere Krise der jetzigen Ausmaße zu vermeiden? Ist Islamic Finance Ihrer Einschätzung nach, vielleicht sogar die Zukunft der Finanzmärkte?

Nein, dass ist sie sicherlich nicht. Islamic Finance wird auch in Zukunft eher ein "Nischenmarkt" bleiben. Neben den institutionellen Schwierigkeiten, wie die Gestaltung und Besetzung der Sharia-Boards, ist die Entwicklung scharia-konformer Finanzprodukte auch immer in regionale und nationale Bedingungen gebunden. Somit gibt es für Islamic-Finance-Produkte auch nicht eine Zielgruppe. Genau wie der Islam, sind die Muslime je nach Land und Region sehr verschieden. Gerade aber nach der aktuellen Finanzkrise werden sich die Produktentwickler in vielen Geldinstituten die Frage stellen müssen: Wie erlangen wir das verlorengegangene Vertrauen zurück? Hier könnten Islamic-Finance-Produkte eine Lösung sein. Dementsprechend wird es spannend sein, die Entwicklung der "Islamic Financial Services Industry" zu verfolgen.

Wir danken für dieses Gespräch.



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