Von: Janka Soltes
Interview mit BILDblog-Mitbegründer Christoph Schultheis
"Man muss BILD lesen"
Christoph Schultheis, Mitbegründer von BILDblog.de, im Gespräch über BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, die Arbeit als Vollzeitbildblogger und die Kunst, bewusste Manipulationen in Artikeln als solche zu erkennen. Das Interview führte Janka Soltes in der aktuell 22. Ausgabe der NOVUM.
Jeden Tag BILD lesen. Für rund drei Millionen Leser gehört dieser Ausspruch natürlich dazu. Für die Gründer von BILDblog.de, Christoph Schultheis und Stefan Niggemeier, ist es Profession. Seit 2004 machen die Beiden in ihrem Blog auf sachliche Fehler, sinnentstellte Zusammenhänge und bewusste Irritationen in der Springerpresse aufmerksam und belegen ihre Arbeit.
Christoph Schultheis können Sie im Rahmen des 12. Medienforums Mittweida am 10. November von 13:30 Uhr bis 14:45 Uhr im Studio B der Hochschule live erleben. Er wird mit Kuno Haberbusch, Leiter des Medienmagazins "ZAPP" zum Thema "Kritik an den eigenen Kameraden" diskutieren. Im Vorfeld gab er der Hochschulzeitung NOVUM ein Interview. Die ganze NOVUM können Sie sich auch als pdf-Dokument bei medien-mittweida.de anschauen.
Kennen Sie den BILD-Chefredakteur Kai Diekmann persönlich?
Ich habe ihn nie persönlich kennen gelernt. Ich habe mir aber sagen lassen, dass er im privaten Gespräch ein umgänglicher und freundlicher Mann sein soll. Bis zum Beweis des Gegenteils bezweifele ich das nicht.
Würde er Sie denn auf der Straße noch grüßen?
Ich gehe schwer davon aus. Weil ich glaube, dass die Auseinandersetzung, wenn man die so nennen will, die wir mit BILD haben, natürlich eine journalistische ist. Das ist es auch, worum es uns bei BILDblog.de geht: Zu sagen "BILD ist eine sehr große Zeitung, aber eine mit großen journalistischen Mängeln und Defiziten". Und das ist quasi der Kern unserer Auseinandersetzung. Das ist ja nichts Persönliches.
Wie gefährlich ist es, die BILD-Zeitung zu unterschätzen, sie als "Schmuddelblatt" abzutun?
Man muss beachten, dass die Auflage zwar sinkt, nach wie vor aber immer noch enorm ist. Die BILD hat weit über 10 Millionen Leser am Tag. Das kann man natürlich nicht so einfach abtun. Zumal man ja auch bedenken muss, dass selbst wichtige Politiker tatsächlich glauben, dass man der BILD-Zeitung Interviews geben kann und damit Exklusiv- Meldungen produzieren kann. Also da zu sagen, dass man diese Zeitung nicht lesen muss, halte ich für falsch. Man muss sie nur richtig lesen. Also aufmerksam, um die vielfältige Manipulation, die Übertreibungen, Irreführungen und Fehler, die sich tagtäglich in BILD finden, als solche erkennen.
Sie beanstanden permanent Fehler in der Berichterstattung von BILD. Wie kommt es dann, dass trotzdem so viele Deutsche diese Tageszeitung lesen?
Also was BILD schafft, ist Themen populistisch aufzubereiten. Die Welt ist komplex, sie ist nicht einfach zu verstehen und der Boulevard-Journalismus versucht, die Geschichten so aufzuschreiben, dass sie für eine möglichst große Leserschaft interessant und nachvollziehbar sind. Das Problem bei BILD ist, dass häufig Grenzen überschritten werden. Einerseits werden aus Nachrichten, die vielleicht gar keinen großen Nachrichtenwert haben viel größere Stories gemacht. Andererseits werden andere Dinge, die vielleicht komplex sind, so vereinfacht, dass sie am Ende verfälscht sind, also nicht mehr den Tatsachen entsprechen oder Privates an die Öffentlichkeit zerren. Und das ist im Zweifelsfalle auch noch kombiniert mit Interessen, die nicht dem sauberen Journalismus entsprechen, sondern kommerzielle Interessen wie Freundschaften, Feindschaften und Eitelkeiten da eine Rolle spielen.
Also vermittelt die BILD bewusst falsche Informationen?
Man hat manchmal den Eindruck. Ich glaube viele Sachen sind geschludert. Aber wenn man lange bei BILD arbeitet, geht man auf eine bestimmte Art und Weise an Themen heran. Man verliert den Realitätsbezug zu dem, was eigentlich Gegenstand der Berichterstattung sein sollte.
Ist dieses Vorgehen auf Kai Diekmann zurückzuführen?
Ich glaube, es ist die Intention, dass der Chefredakteur für das Image und die Ausrichtung von einem Blatt verantwortlich ist. Das ist seine Aufgabe. Die hätten Diekmann damals nicht geholt, wenn sie sich nicht genau das davon versprochen hätten. Das Problem ist die stark sinkende Auflage. Wenn man das vom publizistischen Standpunkt aus ansieht, ist es natürlich nicht besonders gut für einen Chef einer so großen Zeitung, wenn er da nichts unternehmen kann. Allerdings sind die Erlöse, die durch Anzeigen, Verkäufe und Kooperationen erzielt werden, bei BILD nach wie vor enorm. BILD ist ein sehr rentables Blatt. Und auch daran dürfte Diekmann nicht unschuldig sein. Ob das tatsächlich das ist, was man von einem Chefredakteur erwarten würde, also inhaltliche und journalistische Arbeit oder ob er so nicht viel mehr als Herausgeber von BILD und BILD am Sonntag in Erscheinung tritt, ist fraglich.
Würden Sie also sagen, dass Diekmann ein schlechter Chefredakteur ist?
Das ist schwer zu sagen. Wem von BILD unter der Verantwortung von Diekmann ganz übel mitgespielt worden ist, würde das wohl durchaus so sehen.
Trotz der Kritik von BILDblog.de ändert sich an der Qualität der BILD augenscheinlich kaum etwas. Ist das nicht ein Kampf gegen Windmühlen?
Sicherlich ist das ein Kampf gegen Windmühlen. Wir sitzen hier zu zweit oder zu dritt und versuchen, Fehler öffentlich zu machen, die in einem Blatt stehen, das 1000 Mitarbeiter hat. Insofern ist das natürlich schon ein Ungleichgewicht in der Ausgangssituation. Grundsätzlich geht es uns um öffentliche Aufklärung, aber mich wundert und freut natürlich auch, dass unsere, so gesehen, kleine Arbeit bei BILD wahrgenommen wird. Ich glaube, dass es verständlicherweise die Redaktion nervt, dass da Leute sitzen, die ihnen andauernd auf die Finger sehen und auf das Ergebnis ihrer Arbeit und ihrer Nachlässigkeiten oder ihrer mutwilligen Verdrehungen aufmerksam machen. Ob das auf Dauer folgenlos bleibt oder ob das ein langsamer zermürbender Prozess sein kann, weiß ich nicht. Aber ich würde es mir wünschen.
Auf BILDblog sind kaum Anzeigen zu sehen. Wie finanziert sich das Blog denn?
Wir finanzieren uns über Werbung, auch wenn das auf den ersten Blick nicht immer so aussieht. Gerade die Vermarktung von Weblogs ist nach wie vor eine etwas schwierige Angelegenheit. Dazu kommt, dass wir mit unserem Thema BILD-Zeitung nicht unbedingt das aller beliebteste Werbeumfeld für jedes Produkt sind. Viele Unternehmen und Agenturen arbeiten mit Springer und BILD zusammen und manche sehen dadurch natürlich Schwierigkeiten, bei uns zu werben. Wir haben einen von uns unabhängigen Vermarkter, der uns diese Arbeit abnimmt - auch damit Redaktion und Vermarktung strikt getrennt sind. Dessen Strategie ist es, keine Werbeplätze zu verramschen, sondern sie zu angemessenen Marktpreisen zu verkaufen. Wenn bei uns Werbung auf der Seite steht, ist die in den meisten Fällen auch entsprechend gut bezahlt.
Können Sie davon leben?
Jein. Ich mache das nun schon seit einiger Zeit und bin sozusagen Vollzeitblogger. Ich kann meinen Lebensunterhalt gut davon finanzieren. Wobei ich sagen muss, dass ich früher bei der taz gearbeitet habe und somit keine hohen Managergehälter gewöhnt bin. Der Kollege Niggemeier arbeitet auch für andere Medien. Das funktioniert schon seit einiger Zeit ganz gut.
Würden Sie einem jungen Journalisten, wenn er die Möglichkeit hätte, dazu raten zur BILD zu gehen?
Ich persönlich würde ihm abraten. Ich glaube, dass man guten Journalismus auch woanders lernen kann. Und die Gefahr, in der Ausbildung bei BILD "verBILDet" zu werden, ist doch sehr groß. So wie ich das mitbekommen habe, kommt jeder, der dort arbeitet irgendwann in den Gewissenskonflikt, zu sagen: "Muss ich das wirklich machen? Ist das eine gute Idee? Kann ich das mit meinem Gewissen vereinbaren?" Wenn man das dann nicht kann, muss man es lassen. Dann hat es sich nicht gelohnt. Wenn man das doch kann, ist man verloren.
» Zurück
Keine Einträge
Keine Einträge im Gästebuch gefunden.





