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Mittwoch, 29. April, Alter: 1 Jahre » Zurück

Von: Anne Hofmann

Medienkunde im Unterricht

Ein Brummen gegen die Gewalt

Nach Schätzungen des amerikanischen Medizinerverbandes American Medical Association hat ein Kind nach Abschluss der Grundschule mehr als 8000 Morde und 100 000 Gewalttaten im Fernsehen gesehen. Am 15. April verkündete Dorothee Bär (CSU), wie sie dem ein Ende setzen will.

Quelle: pixelio.de/Foto: Dickimatz

Mit Teddyfell zur besseren Mediennutzung? (Quelle: pixelio.de/Foto: Dickimatz)

Detaillierte Studien zu im Fernsehen gezeigten Inhalten haben ergeben, dass an einem typischen Wochentag in Washington die Programme der zehn verbreitetsten Fernsehkanäle von 6 Uhr morgens bis Mitternacht insgesamt 1 846 offene Gewaltakte zeigen. Vor eben diesen Fernsehkanälen verbringt ein US-amerikanischer Durchschnittsschüler bis zum Abschluss der zwölften Klasse 25 000 Stunden – im Gegensatz dazu nur 13 000 in der Schule. Selbst wenn all diese Zahlen in Deutschland kleiner sind – groß sind sie scheinbar allemal.

Wege aus der Krise

Dem will CSU-Politikerin Dorothee Bär jetzt ein neues Fach entgegen setzen, das den Jugendlichen den korrekten Umgang mit Medien beibringen soll. Diese seien täglich mit aggressiver Werbung konfrontiert und hätten Zugang zu gewaltverherrlichendem Material, folglich sei es notwendig, ihnen den korrekten Umgang damit beizubringen. Soviel zu den Motiven Bärs, umgesetzt werden soll dies nun in der "Medienkunde". Statt das Thema in diversen Fächern nur zu streifen, soll also ein eigenes eingeführt werden, in dem sich Lehrer nur darum kümmern können. Ob Schüler wirklich emotional abstumpfen, wird in diversen Studien und Artikeln hinreichend diskutiert.

Ein Exkurs in die Gehirnforschung

Eine Handreichung zur Medienkunde, wie sie in Thüringen aussehen soll, lässt bereits ahnen, wie das Fach in der Praxis funktionieren könnte. Grundlagen zu Medien sollen dort vermittelt werden, von Medienrecht über die Herstellung bis zur Analyse des Medienverhaltens verschiedener Nutzergruppen. Allerdings würde das nicht vermeiden, dass Schüler, die lange fern sehen, emotional abstumpfen können. Nur, weil bekannt ist, dass die Gewalt im Fernsehen nicht real ist und wie sie produziert wird, kann ein solcher Effekt nicht vermieden werden. Der wird nämlich lediglich dadurch hervorgerufen, dass man einfach oft genug mit Gewalt konfrontiert wird und das Gehirn deswegen anders mit ihr umgeht. Dieser Vorgang nennt sich Desensibilisierung und resultiert daraus, dass Organismen einem Reiz lange und häufig ausgesetzt sind, wodurch die Reaktion auf den Reiz abnimmt. Insofern die Medienkunde nicht dazu führt, dass man sich gar nicht mehr vor den Fernseher setzt, kann Bär ihr erklärtes Ziel mit diesen Mitteln also keineswegs erreichen.

Fraglich ist auch, ob Schüler in einem derartigen Fach überhaupt etwas lernen können, bedingt durch die Technik des Lernens an sich. Ein 1777 eingeführtes passives Schulsystem ist inzwischen überholt – denn wie Dorothee Bär selber treffend festgestellt hat, verbringen viele Jugendliche ihre Freizeit passiv vor dem Fernseher oder PC. Um neue Inhalte verarbeiten zu können, braucht das Gehirn also vor allem aktives Handeln, wie viele Vertreter der pädagogischen Strömung des Konstruktivismus in den vergangenen Jahren mehrfach nachgewiesen haben. Das wurde auch durch Erkenntnisse aus der Gehirnforschung belegt. Die Schüler in der Schule erneut vor den Computer zu setzen, verspricht also einen sehr geringen Lernerfolg.

Technische Grenzen

Die thüringische Handreichung verpflichtet zur Produktion von Audio- und Videobeiträgen. Das wäre zwar aktiv, setzt jedoch voraus, dass die technischen Bedingungen für jeden Schüler geschaffen sind. Das würde einen hohen finanziellen Aufwand bedeuten, zumal bisher noch daran gearbeitet wird, eine ausreichende Anzahl an Computern in den Schulen zur Verfügung zu stellen. Außerdem scheitern viele der älteren Lehrer selber am Umgang mit dem PC, und werden insofern kaum Wissen weiter geben können. Um Medienkunde als eigenständiges Fach im Unterricht etablieren zu können, müssen also zunächst noch einige Bedingungen hierfür geschaffen werden.

Ein Anfang könnte es also sein, nach dem Prinzip "Learning by doing" zunächst in anderen Fächern durch die Nutzung des Computers ganz nebenbei zu vermitteln, wie dieser einzusetzen ist. Medien also nicht als Unterrichtsgegenstand sondern als Mittel zum Zweck. Damit würde Dorothee Bär zwar nichts gegen die Gewalt tun, das sinnvollere Ziel des korrekten Umgangs mit Medien könnte aber vielleicht erreicht werden. Vielfach ist jedoch genau das bereits in den Lehrplänen vorgesehen, beispielsweise in den Fächern Deutsch und Gemeinschaftskunde.


Literaturhinweise:

1. Fröhlich, Werner D.: Wörterbuch Psychologie, Berlin 2003 (CD)
2. Gattermann, Rolf: Verhaltensbiologisches Praktikum, Köln 1990
3. Köckenberger, Helmut: Kinder müssen sich bewegen – Spielend lernen und wachsen, Berlin 1999
4. Liebertz, Chairman: Das Schatzbuch ganzheitlichen Lernens – Grundlagen, Methoden und Spiele für eine zukunftsweisende Erziehung, München 2000
5. Mazur, James E.: Lernen und Verhalten, München 2007
6. Mietzel, Gerd: Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens, Göttingen 1998
7. Stumpf, Hildegard: Die wichtigsten Pädagogen, Wiesbaden 2007
8. Simon, Herbert: Faszination Denken, Berlin (2001)
9. Spitzer, Manfred: Lernen – Gehirnforschung und die Schule des Lebens, Heidelberg 2007


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