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Montag, 1. Juni, Alter: 3 Jahre » Zurück

Von: Manuela Geißler

Warum Missbrauchsopfer an die Öffentlichkeit gehen

Voyeurismus wie im Mittelalter

Sie heißen Natascha Kampusch oder Elisabeth Fritzl – Menschen, deren Leben durch eine grausame Tat für immer verändert wurde. medien-mittweida.de ergründet, warum sie ihre Geschichte in die Medien bringen und warum so viele Menschen an den schrecklichen Details interessiert sind.

Der Gang an die Öffentlichkeit ermöglicht vielen Missbrauchsopfern einen Neuanfang. (Quelle: pixelio.de / Foto: Gerd Altmann)

Der Gang an die Öffentlichkeit ermöglicht vielen Missbrauchsopfern einen Neuanfang. (Quelle: pixelio.de / Foto: Gerd Altmann)

Fast wöchentlich erscheint in den deutschen Medien eine Meldung über Entführung, Missbrauch oder Vergewaltigung. Ein besonders aufsehenerregendes Beispiel der letzten Jahre ist das Wiederauftauchen Natascha Kampuschs. Sie war 1998 im Alter von zehn Jahren auf dem Weg zur Schule entführt worden und galt acht Jahre lang als vermisst. Im August 2006 gelang ihr die Flucht aus ihrer Gefangenschaft. Nach ihrem Entkommen stürzten sich die Medien weltweit auf die nun 18-Jährige. Zuerst hielt sich Kampusch eher bedeckt und bat die Medien, ihre Privatsphäre zu respektieren. Doch zwei Wochen nach der Flucht schilderte sie das Erlebte in einem Fernsehinterview erstaunlich gefasst.

Verarbeitung des Traumas kontra aggressive Medien

2009 schockte der nächste Entführungsfall. Der Österreicher Josef Fritzl hielt seine Tochter 24 Jahre in einem Kellerverlies gefangen und zeugte mit ihr sieben Kinder. Gegen ihn wurde Mitte März eine lebenslange Haftstrafe verhängt. Elisabeth Fritzl und ihren Kindern steht wie allen Missbrauchsopfern noch eine lange Zeit der Verarbeitung bevor. Doch nun erregte das Gerücht Aufsehen, Elisabeth Fritzl wolle ein Buch über ihr Martyrium schreiben. Was treibt Menschen wie sie dazu, mit ihren Erlebnissen an die breite Öffentlichkeit zu gehen?

Dr. Norbert Kröger, langjähriger leitender Psychologe im Bundeswehrkrankenhaus Berlin und Experte für Psychotraumatologie, erklärt im Interview mit medien-mittweida.de, was die Opfer dazu animiert: "Generell ist es günstig und wichtig, dass Opfer ihre Geschichte öffentlich machen. Das fördert im Allgemeinen den Genesungsprozess. Es rüttelt die Öffentlichkeit auf, sich damit zu beschäftigen und prophylaktisch zu wirken. Außerdem zeigt es dem Täter, dass der Mensch nicht zerbrochen ist, sondern das Trauma bewältigt werden kann." Allerdings kritisiert Dr. Kröger auch das Vorgehen vieler Medien bei so heiklen Themen wie Entführung und Missbrauch. "Das Problem ist oft die aggressive Vermarktung durch die Medien wie bei Natascha Kampusch. Die Opfer setzen sich oftmals nicht selbst ins Rampenlicht, sondern die Medien entscheiden und missbrauchen eventuell die Opfer. Dann lassen sie diese nach einigen Tagen fallen, weil sich keiner mehr für sie interessiert."

Selbstdarstellung kontra Voyeurismus


Nicht immer sind es jedoch die Medien, die die Opfer ins Rampenlicht drängen. So setzte sich Natascha Kampusch beispielsweise 2008 selbst in Szene – unabhängig von Ihrer Vergangenheit. Der österreichische Fernsehsender Puls 4 produzierte eine Talkshow mit Natascha Kampusch als Moderatorin. Zuerst waren sechs Folgen geplant, aber nur drei wurden produziert und ausgestrahlt. So waren 2008 in der Talkshow "Natascha Kampusch trifft" der ehemalige Formel 1-Weltmeister Niki Lauda, Filmregisseur Stefan Ruzowitzky und Schauspielerin Veronica Ferres zu Gast. Seit der letzten Folge im Oktober 2008 war die Zukunft der Sendung jedoch ungewiss. Auf eine Anfrage von medien-mittweida.de erwiderte der Sender nur, dass das Format "Natascha Kampusch trifft" nicht mehr auf Puls 4 ausgestrahlt würde. Einen Grund dafür nannte die Pressesprecherin nicht. Auch war sie zu keiner Aussage bereit, warum der Sender gerade Natascha Kampusch als Moderatorin ausgewählt hatte.

Bleibt die Frage, warum Meldungen über Gewalt, Missbrauch und die Geschichte der Beteiligten die Menschen immer wieder reizen und die Nutzerzahlen der Medien steigen lassen. Wie Dr. Kröger erklärte, gehört der Voyeurismus zum Menschsein, denn besonders bei extremen Ereignissen wollen Menschen genau wissen, was passiert. "Im Mittelalter war das auch nicht anders, wenn man zum Beispiel an Hexenverbrennungen denkt. Gleichzeitig werden wir durch die Medien dazu aktiviert. Kicks werden in unserer Zeit durch immer extremere Dinge erreicht, nicht mehr dadurch, dass man sich an der Natur oder am netten Zusammensein erfreuen kann."





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