Von: Anne Hofmann
Was Medien mit dem Geburtenrückgang zu tun haben
Fernsehen statt Antibabypille
"Mutige Kinder" in "Familie und Co" vs. "We are Familiy! So lebt Deutschland." – Wie sehen wir Kinder in den Medien? Wer will noch Kinder kriegen? Was meinen die "Krisenkinder" im SPIEGEL dazu? Eine Stichprobe der deutschen Medien.
Früher saßen sie strickend bei Oma auf dem Balkon oder spielten mit Puppen, ganz früher liefen sie mit Kuchen und Wein zur Großmutter – heute wird Schminken geübt und mit 13 kann man sich schon mal, die Bierflasche in der Hand, in die Disko schleichen. Das zumindest ist das Bild, das manch eine TV-Sendung über Deutschlands Jugendliche vermitteln könnte. Die Redaktion hat sich einmal angeschaut, was wir eigentlich von unserer eigenen Jugend halten.
So lebt Deutschland. – Echt?
Das zeigt ein Blick ins Fernsehprogramm an einem zufällig ausgewählten Tag: Dreimal nacheinander werden mehr oder weniger verkrachte Existenzen gezeigt. Los geht’s mit "We Are Family! So lebt Deutschland." Nicht nur der Name "Doku-Soap" sondern auch der knallharte, für Überschriften seltene Punkt hinter der Aussage "So lebt Deutschland." verschaffen dem ganzen einen "So ist es"-Charakter. ProSieben schreibt sich also auf die Fahne, endlich darüber aufzuklären, wie das Leben in Deutschland aussieht. Die heutige Folge dreht sich um eine junge Frau, die bereits als Baby in ein Heim kam, weil ihre Eltern Alkoholiker waren. Mit 18 ist sie nun bei ihrer Pflegefamilie ausgezogen und schwanger. Ihre Adoptivmutter zeigt sie an und will ihr das Kind nehmen. Jetzt will die junge Frau herausfinden, "warum sie nie geliebt wurde", sonst verliert sie nach eigenen Angaben ihren Sohn. Wenn Kinderkriegen mit so etwas verbunden ist, sind die Aussichten in der Tat nicht allzu rosig.
Gleich im Anschluss geht es weiter mit "U20 – Deutschland, deine Teenies". Der Titel lässt schon sehr genau erahnen, worum es gehen könnte. 15-Jährige, die mit Selbstmord drohen, weil sie ihre Nase zu groß finden; werdende Mütter, die selber noch minderjährig sind oder eine 17-Jährige, die die Schule schmeißen will, um Nacktstar zu werden. Dagegen ist "Deine Chance! 3 Bewerber – 1 Job" schon eher seicht. Hier bewerben sich drei Jugendliche um einen Ausbildungsplatz. An sich eine gute Sache, nur kann die Sendung den Anschein erwecken, Deutschlands Jugendliche könnten nur unter castingähnlichen Verhältnissen Arbeit finden – und gleich gar nicht alleine.
"Alles fake" - stört nur keinen
Auch die Kleinen werden natürlich entsprechend präsentiert. Dass die Schuld bei den häufig überforderten Eltern liegt, kommt zwar in den meisten Fällen deutlich zum Ausdruck – aber wenn die so überfordert sind, dann muss das mit der Erziehung doch wirklich schwer sein. …oder? Spätestens seit "Zapp – Das Medienmagagzin" über die Fernsehfamilie Birkhahn berichtete, die bei drei verschiedenen so genannten Reality-Shows in drei verschiedenen Rollen auftauchte, kann man wissen, dass so viel "Reality" gar nicht dabei ist. Den hohen Einschaltquoten tut das jedoch keinen Abbruch. Und so können die Sender sich eben nach wie vor insgesamt fast 60 Stunden Reality-Shows pro Woche leisten.
Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht. Wie die Allensbacher Markt- und Wertanalysen ergaben, gaben in der Tat nur 46% der Deutschen an, es sei wichtig, ein Kind zu haben. Erfolg im Beruf war hingegen für 68% relevant. Jene, die vor allem den Beruf in den Vordergrund stellen, sind nun sicher nicht die, die Zeit haben, vormittags und bis 16 Uhr zur Prime Time der Reality-Shows vor dem Fernseher zu sitzen. Die gleichen rücken aber vielleicht die Kinderplanung zugunsten der Arbeit in den Hintergrund.
Natürlich gibt es Gegengewichte. Um 10:30 Uhr strahlen glückliche werdende Eltern in "Mein Baby" in die Kamera, und Frank begleitet als "Wedding Planer" verliebte Paare zum Traualtar.
Das gibt es schwarz auf weiß – Kinder sind toll
Ein ähnliches Gegengewicht findet sich auch auf dem Zeitschriftenmarkt. Diese Auswahl haben werdende Eltern, die sich zum Thema Kinder schlau machen will, an einem ebenso beliebig gewählten Tag: Relativ wenige Elternzeitschriften konkurrieren hier mit mehr als doppelt so vielen Beauty- und Frisurzeitschriften. Die Zahl der Programmzeitschriften liegt noch einmal höher.
Wie sieht das Leben mit Kind dieser Elternzeitschriften zufolge aus? "Warum Hundefutter steuerreduziert ist, Spielzeug aber nicht" berichtet Nido da unter anderem. Mit dem Fazit: Im Streit darum, was steuerlich subventioniert werden sollen, fanden "Hund und Katz, Rentnerin und Pensionär damals Vertreter (…) Kinder und Eltern nicht." – Die Politik denkt in Stimmungen und Stimmen, wo die Alten ganz klar die Nase vorne haben. Das klingt nicht nach einer kinderfreundlichen Umgebung.
Im Grunde will natürlich niemand gegen ein Kind sprechen. Mehrere ausgedehnte Artikel in diversen Zeitschriften stellen den Weg vor, den Eltern zu gehen haben, die sich für eine Adoption entscheiden. Kein leichter Weg, aber einer, der sich "Eltern" zufolge lohnt. "Familie und Co" hat sich schließlich auf die Fahne geschrieben, Eltern von Kindern bis zum Ende des Grundschulalters sinnvolle Tipps mit auf den Weg zu geben. Natürlich sieht man dabei klar, welche Schwierigkeiten es geben kann – Dinge wie "unordentliches Kinderzimmer" oder "Leistungsdruck in der vierten Klasse" sind hier aber klar überwindbare Hindernisse.
Unklar ist auch, wie das mit dem Job nach dem Kinderkriegen aussieht. Der Spiegel sieht die Aussichten eher düster. "Arbeit ist Sinngebung", und Arbeit ist mit Kind definitiv schwieriger. Deswegen wünschen sich zwar 95% der "Krisenkinder" im "SPIEGEL" Kinder, aber wie "Eltern" berichtet, bekommen sie diese immer später. "Noch immer ist das Alter zwischen 20 und 25 das beste" – doch wer wirklich in dieser Zeit ein Kind bekommt, wird häufig schief angeguckt. "Nido" sieht die Zukunft von Eltern auf dem Arbeitsmarkt da rosiger. "Ich will wieder arbeiten" wird hier getitelt, und was Beruf und Familie angeht: "langsam wird es leichter."
Wie geht’s weiter?
Das Bild, das man in den Medien von Kindern bekommt, kann also ein recht unterschiedliches sein. Kinder machen Arbeit, insofern ist man sich einig. Das war jedoch nie anders. Unterschiede gibt es nur darin, wie man dies darstellt – und wie man damit umgeht. Sicher vermitteln Familienzeitschriften größtenteils ein sehr positives Bild. Doch wer Zweifel hat, ob er sich jemals ein Kind anschaffen möchte, der wird die gar nicht erst in die Hand nehmen. Im Ergebnis sind die Geburtenraten in den vergangenen Jahren fast gleich bleibend niedrig.
Und noch jemand ist sich einig darin, was Kinder sind: Die Werbung. Bei ihr zieht das Kindchenschema nach wie vor, und kommt rege zum Einsatz. Auch ein glückliches Familienleben kann man selten so gut bestaunen wie in Werbung für "gesunde" Ernährung oder Versicherungen. Wie man Kinder sieht, kommt wohl darauf an, was man sieht.
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