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Donnerstag, 22. Oktober, Alter: 2 Jahre » Zurück

Von: Katrin Moraske

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Mittweidas Studenten in aller Welt: Torsten Fischer/Polen

Wahrheit, aber auch Quatsch

Seinen Horizont erweitern und Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen – möglich ist das für Studenten durch ein Auslandssemester. Torsten Fischer war fünf Monate in Polen und erzählt über Studienbedingungen und die polnische Mentalität.

Ein Semester studierte Torsten Fischer an der Technischen Universität im polnischen Lodz (Quelle: flickr.com/Foto: Roman Gladysz)

Ein Semester studierte Torsten Fischer an der Technischen Universität im polnischen Lodz (Quelle: flickr.com/Foto: Roman Gladysz)
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Neben dem Wunsch in englischer Sprache zu studieren, hatte Torsten Fischer einen anderen wichtigen Grund in der polnischen Industriestadt Lodz ein Auslandssemester zu machen. "Ich wollte mir eine eigene Meinung über die beidseitigen Vorurteile zwischen Deutschland und Polen bilden", so der 30-Jährige. Von Februar bis Juni dieses Jahres hat er an der International Faculty of Engineering (IFE) studiert. In Lodz, der drittgrößten Stadt Polens mit insgesamt 20.000 Studenten, lernte er ein Semester Business and Technology.

Facebook vs. Vorlesung

Zehngeschossiger Plattenbau, Dreibettzimmer und eine Küche für etwa 50 Studenten. Das Wohnheim in Lodz könnte Torsten wohl eher als abenteuerlich statt gemütlich bezeichnen. "Ich hatte als Auslandsstudent den Luxus, mir das Zimmer mit einem Studenten teilen zu können." Dagegen lebten seine polnischen Kommilitonen auf zwölf Quadratmeter Wohnfläche zu dritt. "Meine Unterkunft war nicht luxuriös, hat aber auch nur 52 Euro pro Monat gekostet. Man gewöhnt sich schnell daran, so auch an das chlorreiche Wasser", sagt Torsten lachend. Die Universität in Lodz ist ein neues Gebäude, dementsprechend ausgerüstet und durchaus mit dem Mittweidaer Campus vergleichbar.
 
Doch nicht mit Mittweida gleichzusetzen, sind die Abläufe während der Vorlesungen. "Unangemeldete Unterbrechungen durch andere Studenten, die eine Umfrage durchführten, waren Zeichen des antiautoritären Vorlesungsstils und wurden toleriert", erzählt Torsten. So blieb es dem Mittweidaer nicht verborgen, dass sich die meisten Studenten lieber hinter ihren Notebooks versteckten, um das aktuelle Facebook-Quiz zu beantworten, anstatt dem Vortragenden zu lauschen. "Das ist in deutschen Vorlesungssälen eher unvorstellbar", so der 30-Jährige. Spärlich besucht war die Mensa  auf dem Campus. Statt des meist einseitigen Speiseplans wählten viele Studenten lieber Pizza und Bier. "Bier gehört nach dort herrschender Meinung nicht zum Alkohol", berichtet er.

Unfreiwilliger Augenzeuge

Doch nicht nur Vorlesungen und Seminare prägten sein Auslandssemester, sondern auch zahlreiche Ausflüge. Wie eine Reise nach Dreistadt, welche aus den drei Zentren Danzig, Gdingen und Zoppot besteht. Während Danzig als beliebter Urlaubsort an der Ostsee bekannt ist, erlebte Torsten in Zoppot das Party- und Studentenleben. "Dort gab es tolle Clubs und Bars, wo man einfach mal Spaß haben und neue Leute kennenlernen konnte." Auch durfte eine der bekanntesten Touristenstädte Polens nicht fehlen – Krakau. Der Besuch der historischen Innenstadt wurde durch ein kostenloses Konzert von Lenny Kravitz am Fluss Wisla abgerundet.

Eine weniger gute Erinnerung des Mittweidaers ist eine nächtliche Erkundungstour der Kneipen- und Clubviertel in Breslau. "Wie aus dem Nichts wurden wir auf einmal Augenzeugen von brutalen Schlägereien. Alkohol und männliche polnische Mentalität enden ziemlich schnell in körperlichen Auseinandersetzungen. Da wird nicht lang diskutiert", so berichtet Torsten. Auch ein weiteres Erlebnis prägte den 30-Jährigen: "Es war ein komisches Gefühl, als wir in Auschwitz waren. Man kannte zwar die Bilder aus zahlreichen Filmen und Dokumentationen, aber direkt am Ort des Geschehens zu stehen, hinterließ ein merkwürdiges Gefühl."

"Nicht jeder Pole klaut"

Aber diese Ereignisse haben Torsten Fischer um viele wertvolle Erfahrungen reicher gemacht. "Ich habe durch diese fünf Monate Deutschland mehr schätzen gelernt, viele kleine Dinge, die für uns ganz selbstverständlich sind." Auch in Bezug auf die deutsche Mentalität hat er seine Meinung geändert: "Inzwischen glaube ich, dass in Deutschland des Öfteren viel zu oft auf hohem Niveau gejammert wird. Man muss gar nicht weit reisen, um zu sehen, dass es Menschen gibt, denen es wesentlich schlechter geht, die aber trotzdem glücklicher durchs Leben gehen, als manch Deutscher." Zu den Vorurteilen gegenüber der polnischen Bevölkerung meint er: "Einiges ist wahr, anderes aber auch totaler Quatsch. Fakt ist, nicht jeder Pole klaut, aber Fakt ist auch, dass der Alkoholkonsum doch eher überdurchschnittlich ist." 

In einigen Monaten möchte Torsten sein Diplom als Wirtschaftsingenieur in Mittweida machen. Im Augenblick absolviert der 30-Jährige ein freiwilliges Auslandspraktikum in Miskolc in Ungarn, um seine Auslandserfahrungen auch beruflich zu erweitern. Auf die Frage, ob er nochmal ein Semester in einem anderen Land verbringen würde, gibt es für Torsten nur eine Antwort: "Die Erfahrungen, die man da macht, sind unbezahlbar. Es geht gar nicht darum, wohin man geht, sondern Dinge einmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ich kann für mich sagen, dass ich alles genau so wieder machen würde, eine tolle Zeit mit vielen neuen Erfahrungen."



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