Zu Favoriten hinzufügen


Mittwoch, 22. April, Alter: 1 Jahre » Zurück

Von: Lena Belz

Initiative "Pro Reli" fordert Religion als Wahlpflichtfach

Sache des Volkes

Die Berliner Bürger haben die Wahl – am Sonntag bestimmen sie per Volksentscheid, ob das Fach Religion auch in der Hauptstadt künftig ein Wahlpflichtfach sein soll. Den Anstoß für diese Abstimmung und eine freie Unterrichtswahl im Klassenraum gab die Initiative "Pro Reli".

Mit diesem Slogan wirbt die Initiative "Pro Reli" für Gleichrangigkeit zwischen Religion und Ethik (Quelle: flickr.com / Foto: Scoobay)

Mit diesem Slogan wirbt die Initiative "Pro Reli" für Gleichrangigkeit zwischen Religion und Ethik (Quelle: flickr.com/ Foto: Scoobay)

"Respekt vor anderen Meinungen, Religionen und Weltanschauungen lässt sich nicht verordnen, sondern nur erlernen und erleben. Das ist harte Arbeit für Schüler, Lehrer und auch die Eltern gleichermaßen", erklärt Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden gegenüber medien-mittweida.de. Religionsunterricht in öffentlichen Schulen einzurichten ist Sache der Länder. In 13 der 16 Bundesländer ist der Religionsunterricht ein ordentliches Schulfach. Das heißt, es ist staatlich garantiert und finanziert. Die Grundlage dafür ist Artikel 7 des Grundgesetzes: "Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach."

Besonderheit Berliner Schulalltag

Eine Ausnahme bildet allerdings Artikel 141 GG, die sogenannte "Bremer Klausel". Sie setzt den oben genannten Artikel für jene Länder außer Kraft, in denen am 1. Januar 1949 andere landesrechtliche Regelungen bestanden. Dies ist in Berlin der Fall. In der Hauptstadt vermitteln Lehrer ihren Schülern Werte, Normen und Weltanschauungen in einem neutralen Ethikunterricht. Nele Hirsch (DIE LINKE) erklärt gegenüber medien-mittweida.de: "Hier können gemeinsame Werte über Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg erkundet und diskutiert werden", so die Bundestagsabgeordnete im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Unter dieser Maßgabe könne der Religionsunterricht den Ethikunterricht wertvoll ergänzen, aber nicht ersetzen.

Ihrer Meinung nach kann der Ethikunterricht authentische Antworten auf religiöse Fragen von interessierten Schülern geben. "Denn der Ethikunterricht kann Grundwissen über verschiedene religiöse, weltanschauliche und kulturelle Traditionen vermitteln." In Kooperationsprojekten könnten Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel besucht werden. "Durch diese Äquidistanz zu den verschiedenen sinnstiftenden Traditionen können die Schüler frei wählen, welchen Wertegemeinschaften sie sich anschließen wollen", sagt Hirsch.

Glauben an Gott ersetze Mathe-Fünf

Im Jahr 1998 wurde der Ethikunterricht vom Bundesverwaltungsgericht als Ersatz-Pflichtfach für zulässig erklärt. Seit 2006 ist der Ethikunterricht in Berlin obligatorisch, alle Schüler müssen ihn demnach belegen. Im Gegensatz zum Religionsunterricht, der lediglich ein Angebot auf freiwilliger Basis darstellt. Am 26. April sind rund 2 500 000 wahlberechtigte Berliner dazu aufgerufen, über die künftige Handhabung in Bezug auf die wertevermittelnden Schulfächer zu entscheiden. Auf eine Veränderung zugunsten des Religionsunterrichtes, hatte die Initiative "Pro Reli" gedrängt. Von September 2008 bis Januar 2009 hatte sie Unterschriften gesammelt, um einen Volksentscheid zu erzielen.

Die Berliner Initiative fordert eine Gleichberechtigung zwischen den Fächern Religion und Ethik, sodass der Religionsunterricht mithin den Status eines ordentlichen Faches erlangt. Schüler könnten so nach eigenem Ermessen und eigenen Interessen zwischen den gleichrangigen Fächern wählen."Der Religionsunterricht ist dann nicht neutral, er vertritt die Position der jeweiligen Institution", erklärt Wolfgang Harnischfeger, Vorsitzender der Vereinigung Berliner Schulleiter gegenüber medien-mittweida.de. Außerdem solle das Fach mit versetzungsrelevanten Noten ausgestattet werden. "Dann wird die Mathe-Fünf ausgeglichen durch Sport und starken Glauben an Gott, Jehowa oder Allah."

"Keine personellen Probleme"

Allerdings muss eine Mindestgröße an Interessenten vorhanden sein, 15 Schüler pro Gruppe. "Wenn diese Zahl erreicht wird, muss dann eine Gruppe eingerichtet werden", sagt Harnischfeger. Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden sagt in diesem Zusammenhang: "Ich sehe in Berlin keine personellen Probleme, sowohl die unterschiedlichen Religionen, wie auch Ethik und Weltanschauungsunterricht als ordentliches Fach anzubieten." Die Schulen seien aufgefordert, die Einrichtung und Unterrichtung organisatorisch vorzusehen. Das Problem, dass Lehrer den Schülern ihre eigene Weltanschauung aufdrängen, sieht Kramer nur bedingt.

"Ein Lehrer ohne gefestigte Weltanschauung oder Identität kann SchülerInnen nichts beibringen", erklärt er gegenüber medien-mittweida.de. Problematisch sei dies nur dann, wenn die Lehrer in der Tat ihre persönliche Anschauung, als die einzig richtige oder beste, quasi verbindlich als Leitanschauung über die anderen bekannten stellen. Am Sonntag können sich die Wahlberechtigten eigentlich nur für Toleranz entscheiden. Entweder für die im Ethikunterricht ausgeübte Achtung vor allen Weltanschauungen oder für die Toleranz im Bezug auf zwei Pflichtfächer und somit zwischen den Initiativen "Pro Ethik" und "Pro Reli".



» Zurück


Felder mit einem * sind Pflichtfelder und müssen ausgefüllt werden.

Rechtlicher Hinweis:

Ihr Beitrag wird erst nach einer Freischaltung angezeigt. Wir sind dazu verpflichtet, Beiträge von außerhalb auf rechtliche Verstöße hin zu überprüfen, bevor sie veröffentlicht werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.


Freitag, 24-04-09 20:34 Reiner Moysich

Menschenrechte oder religiöse Absolutheitsansprüche?


Bei diesem Volksentscheid geht es im Grunde darum, was wichtiger ist: die Menschenrechte - auf welchen das Fach Ethik fußt - oder die jeweils über den Religionsunterricht vermittelten Absolutheitsansprüche der drei monotheistischen Religionen Islam, Christen- und Judentum, welche jeweils den gleichen(!) Anspruch erheben: die allein wahre und gültige Religion zu sein und als solche anerkannt zu werden!

Solche barbarischen Ansprüche haben dazu geführt, dass die meisten Kriege Religionskriege sind. Und da sie natürlich gegen die Menschenrechte verstoßen, werden die Menschenrechte noch immer nicht von den drei Religionen anerkannt.

Ich hoffe, die Berliner werden sehr deutlich mit einem "Nein" gegen den Anspruch stimmen, den Religionsunterricht aufzuwerten und werden sich so klar für das Frieden fördernde Fach Ethik entscheiden!

Footer