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Sonntag, 21. Juni, Alter: 3 Jahre » Zurück

Von: Marion Uhlendorff

Wochenbilanz des Bildungsstreiks

"Für den Che in dir"

Unterrichtsboykott, Stürmung des Mainzer Landtags, "symbolische Bankenüberfälle": Mit viel Aktionismus und Ideenvielfalt demonstrierten bisher circa 280.000 Studenten für ein besseres Bildungssystem. Studenten vermarkten dazu T-Shirts unter dem Motto: "Das Shirt für den Che in dir."

Che Guevara war ein revolutionärer Marxist, Arzt, Politiker, Militärtheoretiker und Guerillaführer. (Quelle: flickr.com/ Foto: sand.sniper)

Che Guevara war ein revolutionärer Marxist, Arzt, Politiker, Militärtheoretiker und Guerillaführer. (Quelle: flickr.com/ Foto: sand.sniper)

Die Proteste richten sich vor allem gegen Studiengebühren, gegen eine Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre, sowie gegen die Verschulung des Studiums. Die Demonstranten forderten eine Reformierung des Bachelor- und Mastersystem, bessere Lehr- und Lernbedingungen sowie die Unterstützung aller Studierenden, statt einseitiger Elitenbildung.
 
Den Auftakt des bundesweiten Bildungsstreiks, der vom 15. Juni bis zum 20. Juni stattfand, bildete in Berlin die Besetzung der Universitätsstraße. Um ein Eingreifen der Polizei zu verhindern, meldeten die Studenten die Demonstration kurzerhand als Straßenfest an.

Am Dienstag kam es auch an der Universität Jena zu Sitzstreiks. Die Jenaer Mathematikstudentin Therese Klarner äußerte sich gegenüber medien-mittweida.de kritisch zu den Streiks. Sie bezeichnete einige Forderungen, wie zum Beispiel keine schlechten Noten für nicht erbrachte Leistung, als unrealistisch. Studiengebühren lehnt aber auch sie konsequent ab.

Thesenpapiere für mehr Mitbestimmung

Mittwochnachmittag besetzten rund 150 Studenten die Alte Universität in Heidelberg. Ein Universitätssprecher erklärte am Tag darauf der "Rhein-Neckar-Zeitung", eine Räumung werde es nicht geben. Gegenüber medien-mittweida.de sagt Amadeus Blanke, Lehramtsstudent an der Universität Heidelberg, dass die Studenten bis zum Ende des bundesweiten Bildungsstreiks versuchen werden, das Gebäude zu besetzen. Die Demonstranten formulierten Thesenpapiere, die beispielsweise mehr Mitbestimmung der Studenten im Hochschulsenat fordern. "Die Forderungen tangieren bewusst den Kompetenzbereich des Rektors", so der Student. Am Samstag räumte die Polizei die mit etwa 60 Studierenden besetzte Hochschule, nachdem zuvor eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch gestellt wurde.
 
Am Donnerstag eskaliert der Bildungsstreik in Berlin. Laut Polizeiangaben besetzten 50 Demonstranten die Filiale einer Deutschen Bank und 70 weitere eine Filiale der Commerz Bank. Die Polizei musste unter Einsatz von Pfefferspray die Banken schließen. "Ich sehe da nicht so richtig den Sinn dahinter. Ich denke nicht, dass die Streiks hier wirklich was ändern, das bringt einfach alles nichts", betont Berliner Student Michael Toner gegenüber medien-mittweida.de. In Frankfurt fanden ebenfalls Bankenbesetzungen statt, bei denen Demonstranten Transparente mit der Aufschrift "Deutsche Bank geschlossen wegen Gefährdung des Allgemeinwohls" aufhängten. Mit den "symbolischen Banküberfällen" wollen die Demonstranten verdeutlichen, dass Politiker innerhalb weniger Tage milliardenschwere Konjunkturpakete beschließen, für die Bildung jedoch kein Geld vorhanden sei.

In Heidelberg kam es am Freitag zur Bildung einer Menschenkette. Gegenüber medien-mittweida.de erklärt Amadeus Blanke: "Es wurde eine kilometerlange Menschenkette zwischen den verschiedenen Fachbereichsgebäuden gebildet, um die Einheit der Studiengänge zu veranschaulichen. In der Kette wurden gelbe Zettel mit den Forderungen der Studenten weitergereicht, die am Ende gesammelt und dem Rektorat übergeben wurden. Kritikpunkte waren die schlechte Umsetzung des Bachelorsystems, der Leistungsdruck und die zunehmende Elite-Bildung. Unter der kurpfälzischen Parole 'Bildung ist schee billig' forderte man die Abschaffung der Studiengebühren."

Am Samstag unterbrachen Demonstranten Kanzlerin Merkel bei ihrer Rede anlässlich des 125. Jubiläums der Leipziger Baumwollspinner mit Megafonen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa rief ein Demonstrant: "Guten Tag Frau Merkel. Wir haben hier derzeit einen Bildungsstreik." Merkel konterte: "Pass mal auf, ich habe hier gerade eine Schrift [von den Demonstranten] bekommen. Wir machen jetzt so eine Art friedliche Koexistenz: Jetzt spreche ich - und dann lese ich."

"Soziale-Unruhen? Yes we can"

Weniger demokratisch äußerte sich Bildungsministerin Anette Schavan zum Bildungsstreik gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Diejenigen, die die Proteste organisiert haben, beschäftigen sich vermutlich eher weniger mit Bildungstheorien, als vielmehr mit der Durchsetzung der Interessen der Gruppen und Verbände, die hinter ihnen stehen."
 
Tatsächlich wird der Bildungsstreik auch von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft unterstützt. Wie ver.di-Chef Bsirske gegenüber der Tagesschau mitteilte, rangiere Deutschland mit seinen Bildungsausgaben im weltweiten Vergleich der Industrienationen in allen Bereichen auf den hinteren Plätzen. Studierende, die ver.di angehören, vermarkten auf ihrer Website T-Shirts mit der Aufschrift: "Soziale-Unruhen? Yes we can". Weiterhin werben sie mit dem Satz "Das Shirt für den Che in dir". Gegenüber medien-mittweida.de erklärt Carolin Heß von der "ver.di-Campus-Gruppe": "Als Gewerkschaft für Studierende kämpfen wir gemeinsam für die grundlegende Verbesserung der Studienbedingungen. Wir wissen, dass uns diese Verbesserungen nicht geschenkt werden. Ernesto 'Che' Guevara ist zum Symbol des Widerstands gegen Allmacht der Unternehmen und ihrer politischen Marionetten geworden. Mit diesem Symbol können wir uns identifizieren."



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Sonntag, 21-06-09 18:32 Rudolf Homann

Schon viel zu lange war Ruhe die erste Pflicht von Lehrenden und Lernenden. Tatsächlich braucht die Gesellschaft den produktiven Streit um den Stellenwert, die soziale Auslesefunktion und die Organisation der Bildung. Die im Artkel zitierten ignoranten Äußerungen einiger Verantwortlichen machen deutlich, dass schon zu früheren Zeiten das Bildungssystem Absolventen produziert hat, die im Anschluss mit ihren Aufgaben offensichtlich überfordert sind. Was allerdings die symbolischen Überfälle betrifft, wird Bertold Brecht wohl rechthaben: "Banküberfälle sind etwas für Dilettanten, wahre Profis gründen eine Bank."

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