Von: Richard Kästner
Mangelnde Wahrnehmung humanitärer Brennpunkte
Vergessene Krisen
In zahlreichen asiatischen und afrikanischen Ländern herrschen dramatische Zustände. In der europäischen Öffentlichkeit finden sie wenig Beachtung. Die humanitären Probleme dokumentieren häufig nur Hilfsorganisationen.
Sie stehen im Schatten großer Konflikte wie in Afghanistan oder im Irak. Hierzulande berichten Medien kaum von der prekären Lage im Ostkongo oder dem Tschad. Auch die Situation im ärmsten arabischen Land, dem Jemen, rückt erst ins mediale Rampenlicht, wenn deutsche Touristen entführt werden, wie es Ende Juni der Fall war. Auf der afrikanischen Seite des Golfes von Aden ist die Lage nicht besser. In Somalia dauert seit Jahren ein blutiger Bürgerkrieg an. Das Land versinkt in Armut und Kriminalität. Durch Piraterie gilt der Golf von Aden mittlerweile als gefährlichste Wasserstraße der Welt.
Diese vier Beispiele humanitärer Krisenregionen liegen selten im Fokus der Medienberichterstattung. Chronische Probleme ohne kurzweilige Aktualität und die gefährliche Lage machen solche Länder unattraktiv für ausländische Journalisten. Häufig sind es erst Hilfsorganisation, die auf die humanitären Katastrophen aufmerksam machen und Krisenherde zurück ins öffentliche Bewusstsein holen.
Stilles Sterben
Laut Sabine Wilke von der Presseabteilung der Hilfsorganisation CARE Deutschland sind im Kongo seit 1998 etwa 3,8 Millionen Menschen ums Leben gekommen. "Eine Zahl, die in der europäischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird", sagt sie gegenüber medien-mittweida.de. Seit dem Bürgerkrieg in den 1990er Jahren ist insbesondere im Ostkongo keine Ruhe eingekehrt. "Dennoch hat man jahrelang wenig aus der Region gehört, weil es keine 'echten' Neuigkeiten zu melden gab - bis im Oktober letzten Jahres die Kämpfe zwischen Rebellen und Regierung wieder intensiver wurden", erklärt Wilke weiter.
Hilfsorganisationen wie CARE arbeiten zwar weiterhin in diesen Regionen, aber die mediale Aufmerksamkeit verlagert sich oft zu neuen Brandherden. Wilke erklärt das Dilemma: "Zeitungen, Radiostationen und sonstige Medien berichten ihrem Selbstverständnis nach zuvorderst über aktuelle, also neue Ereignisse. Dadurch kommen solche Krisen oft zu kurz."
Klimawandel als Verstärker
Wirtschaftliche Entwicklungsländer in Afrika und Asien leiden unter den Auswirkungen der Klimaveränderung. Gehäufte Dürren und Fluten führen zu unbrauchbarem Ackerland und schwächen die Infrastruktur. Die Folge ist Migration, die in Konflikten zwischen Bevölkerungsteilen mündet. "Gewaltsame Auseinandersetzungen, Unterdrückung von Minderheiten, Kampf um Ressourcen, Ausbeutung der Umwelt", benennt Wilke als häufige Probleme.
Chronischen Krisen bereiten den Hilfsorganisationen zunehmend Sorgen. Beispielsweise beherbergt das Flüchtlingslager Dadaab in Kenia schon seit 15 Jahren Flüchtlinge aus dem von Bürgerkrieg gebeutelten Somalia, die nicht nach Hause zurückkehren können. Von 2006 bis 2009 verdoppelte sich die Zahl der geflüchteten Somalis in Dadaab auf rund 250.000. In Somalia selbst ist die Lebenserwartung nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO bei nur 48 Jahren und ein Viertel der Kinder erreicht nicht das fünfte Lebensjahr. Damit hat das Land einige der schlechtesten Gesundheitsindikatoren weltweit.
Perspektiven erforderlich
"CARE leistet bei Naturkatastrophen und kriegerischen Auseinandersetzungen Nothilfe", beschreibt Wilke exemplarisch das Wirken der Hilfsorganisationen. Dazu gehören vor allem Lebensmittel, Unterkünfte und medizinische Versorgung. Aber gerade wenn Flüchtlingslager über Jahre hinweg existieren, benötigen die Menschen eine Perspektive und Beschäftigung. Organisationen wie CARE können das nicht allein stemmen.
In Deutschland konzentrieren sie ihre Kräfte im Bündniss "Aktion Deutschland hilft", um bei großen Krisen ihre Ressourcen gebündelt einzusetzen. Zu Anlässen wie dem Weltflüchtlingstag Ende Juni machen sie auf humanitäre Missstände aufmerksam. Mit Publikationen und Dossiers versuchen sie zu verhindern, dass das Leid unzähliger Menschen in Vergessenheit gerät.
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