Von: Philipp Girrger
Kommentar zur Kunst in der Krise
Bilder als Anlageform
Yves Saint Laurent bietet postum ein Beispiel für die geldwerte Relevanz, die das "Schöne und Wahre" auch in der Krise noch hat. An die 1 200 Bieter in Paris und mehr als 100 am Telefon, versteigerte Christie's Werke im Wert von mehr als 300 Millionen Euro.
Es scheint als sei nichts los. Der Dax ist zwar auf dem niedrigsten Stand seit 2004 – der Dow sogar auf dem niedrigsten seit 1997, Millionen von Arbeitsplätzen sind auf der gesamten Welt in Gefahr und die Geldwelle rollt in Form von Konjunkturpaketen unablässig auf die Volkswirtschaften zu – nicht abschätzbare Inflationsraten im Schlepptau. Selbst Dubai, das griffigste Symbol für den modernen "Geld-Adel", musste jetzt von der Zentralbank der Vereinigten Arabischen Emirate gestützt werden. Wie können Menschen in einer solchen Situation noch Geld für das wohl immaterielleste Gut das die Menschheit erfunden hat – noch weniger greifbar als Hypothekenkredite – ausgeben? Und dann auch noch so viel?
Eine Stadt auf Rekordjagd
Ja, in Paris jagt ein Rekord den nächsten. Dies ist nur die bisherige Eisbergspitze der Hatz, die seit Jahren die internationalen Kunstmärkte im Griff hat. Als sich im vergangen Jahr die Feuilletonisten überschlugen, weil der britische Ausnahmekünstler Damien Hirst mit seiner lang angekündigten Auktion an einem Abend Werke im Wert von rund 78 Millionen Euro versteigern lies, entbehrte es nicht einer gewissen Realsatire, dass derselbe Tag als "Schwarzer Montag" an den Börsen der Welt in die Geschichte einging.
Trotzdem muss an dieser Stelle konstatiert werden: 2008 lies Christie's den Auktionshammer nur noch 629 Mal über der Millionen-Pfund-Marke sinken. Im Jahr zuvor waren es noch 793 millionenschwere Auktionsergebnisse. In Pfund brach der Erlös um elf Prozent ein, im Vergleich zu 2007. Bei Sothebys sah es da schon viel freundlicher aus: Das teuerste Werk 2008 ging bei ihnen für rund 50 Millionen Euro über den Auktionstisch - "White Center" vom amerikanischen Maler Mark Rothko. Der Umsatz stieg um wahnsinnige 44 Prozent. Entlassungen haben beide Vortänzer des Kunstmarktes trotzdem Anfang des Jahres angekündigt.
Betrachtet der hoffentlich noch interessierte Leser den Zeitraum vom "Schwarzen Montag" bis Beginn der Yves Saint Laurent Hausse – also vom 15. September 2008 bis zum 23. Februar 2009 – fallen im Gesamten doch deutliche Einbrüche auf. Der "Art Sales Index" von "Artinfo.com" listet für diesen Zeitraum 166 Kunstwerke, die für mehr als eine Million US-Dollar den Besitzer wechselten. Im selben Zeitraum, ein Jahr zuvor, waren es mehr als drei Mal so viele – 532 Werke.
Weniger Tumult auf dem Markt
Wirtschaftliche gute Zeiten waren auch immer gute Zeiten für die Kunstmarktplätze der Welt. Und die vergangenen Jahre liefen gut. Nach der New-Economy-Krise verdienten Investmentbänker und Fondsmanager viel Geld. Und wie das nun mal so ist: Jeder betreibt schnell ein bisschen Besitzstandswahrung. Wohin also mit dem hart verdienten Schotter? Reinvestieren – mit Sicherheit, in Gold, Goldminenbetreiber, Schürfrechte – das war schon immer sicher – und nicht zuletzt in Kunst. Und weil Fondsmanager, wie jeder andere auch, sich mit dem beschäftigen, was sie kennen, kamen zusammen mit steigenden Kunstmarktpreisen schnell auch Kunstfonds auf. Kunst wurde zur Anlageform.
Aber nun sollten die Damen und Herren, genau wie alle anderen doch auch unter der Krise leiden, nicht? Haben sie denn noch das Geld dafür? Die Ausführungen zur Lage in den Belegschaften der Auktionsriesen und die rapide abnehmende Zahl der hochpreisigen Auktionen zeigt: Es herrscht wieder weniger Tumult auf den Kunstbasaren. Und wie in jedem Markt gibt es Spezialisten und Enthusiasten. Jetzt raten sie mal, wer solche Märkte weiter bevölkert, wenn die Nadelstreifen mit den großen Bündeln wieder weg sind? Die Jäger sind weg, die Sammler bleiben.
Der Wert des Unvergänglichen
Kunst hat zu vorher genannten Anlageformen einen großen Vorteil: Der Käufer erhält für sein Geld nicht nur ein Stück Leinwand, Holz oder Stein – er erhält auch ein Stück Künstler, ein Stück Unvergänglichkeit und natürlich soziales Prestige. Inzwischen können wir wieder getrost von den Zeiten nach dem "Tulpenzwiebel-Boom" sprechen. Zur Erkärung: Im 17. Jahrhundert wurden Tulpenzwiebeln zum Spekulationsobjekt, sodass Familien sogar ihr komplettes Hab und Gut für nur eine Zwiebel her gaben.
Warum ist nun aber Yves Saint Laurents Nachlass so begehrt? Die Welt kann so simpel sein: In der Marketingbranche sprechen die Verantwortlichen von Synergieeffekten. Aus eins und eins mach zweieinhalb. Und genau das passiert gerade in Paris. Ein Kunstwerk wird mit dem Unvergänglichen von gleich zwei Künstlern aufgeladen. Zuerst war das Werk. Es alleine bündelte die Seele des Künstlers, der es erschuf. Dann kaufte ein anderer Künstler es und veredelte es dadurch nur noch mehr. Die Anlagestrategen möchten nun ausrufen: Hirst, Rauch, Richter kauft euch eins. In zwei Jahren ist es viermal soviel wert.
Aber ist es verwerflich nach der Unvergänglichkeit zu suchen? Nein, ist es natürlich nicht. Nur jeder beschreitet dabei seinen eigenen Weg. Die Einen bauen das Haus, zeugen ein Kind und pflanzen einen Baum und die Anderen suchen den wahren Wert in der Ware des "Schönen und Wahren". Und so bleiben auch in der Krise hochpreisige Kunstauktionen nicht aus. Lasst uns wieder "Jäger und Sammler" sein.
» Zurück
Keine Einträge
Keine Einträge im Gästebuch gefunden.





