Zu Favoriten hinzufügen


Freitag, 6. März, Alter: 2 Jahre » Zurück

Von: Sander Schmidt

Interview mit Hans-Knöll-Insitut-Sprecher Dr. Michael Ramm

Ein Gemeinschaftsprojekt

Forscher des Hans-Knöll-Institutes (HKI) Jena entwickelten einen neuen Wirkstoff gegen Tuberkulose. medien-mittweida.de sprach mit dem Sprecher Dr. Michael Ramm über die Möglichkeiten und die Entwicklung der Neuentdeckung.

Dr. Michael Ramm

Dr. Michael Ramm, Sprecher des Hans-Knöll-Institutes Jena. (Quelle: Dr. Ramm)

Dr. Michael Ramm arbeitet seit 2001 am Hans-Knöll-Institut in Jena. Er ist Mikrobiologie und beschäftigte sich hauptsächlich mit der Synthese von Zellwandbausteinen bei krankheitserregeneden Bakterien. 2005 schied Ramm aus der experimentellen Arbeit als aktiver Wissenschaftler aus und ist seither als Assistent des Direktors für die Forschungskoordination - Patente, Verträge, Öffentlichkeitsarbeit - zuständig.

Herr Ramm, wie kam es zur Entdeckung des neuen Wirkstoff gegen Tuberkulose?

Die Entdeckung ist hauptsächlich der Verdienst dreier Wissenschaftler: Dr. Makarov, Dr. Möllmann und Prof. Cole. Dr. Makarov ist Chemiker aus Moskau. Seit Ende der neunziger Jahre war er immer wieder zu Gastaufenthalten am HKI und hat eine Unmenge neuer Substanzen chemisch synthetisiert. Am HKI lief ebenfalls seit langer Zeit ein Tuberkuloseprojekt, das von Dr. Möllmann betreut wurde. Sie war damit in mehreren EU-Projekten beteiligt, lernte über die Jahre alle maßgeblichen Forscher auf dem Gebiet kennen und kooperierte mit vielen.

Eines Tages hatte Dr. Makarov Substanzen synthetisiert, die gegen Mykobakterien [eine Gruppe spezieller Bakterien, hauptsächlich Krankheitserreger, Anm. d. Red.] wirksam waren. Mit diesem ersten Erfolg schufen die beiden einen Ausgangspunkt, an dem sie konsequent weiter arbeiten konnten. Schließlich gelang es durch die geschickte Kombination chemischer Synthese mit mikrobiologischen Testmethoden, ein Molekül zu ermitteln, das als Wirkstoff synthetisiert, eine noch bessere Wirksamkeit erzielte.

Prof. Cole, damals Direktor des Institut Pasteur in Paris, kümmerte sich um die weitere Charakterisierung des Wirkstoffes im Hinblick auf eine Medikamentenentwicklung. Neben der Wirksamkeit ist es wichtig, dass die Substanz am Menschen keine schädlichen Effekte auslöst. Die Erfindung konnte nur durch die Kooperation von Dr. Makarov und Dr. Möllmann zustande kommen. Einer von beiden allein hätte das nicht geschafft. Der Beitrag der Wissenschaftler besteht in der Wirkungsanalyse und den daraus abgeleiteten Strukturvorschlägen für neue Moleküle, die Dr. Makarov dann am HKI synthetisierte.

Was erwarten Sie von Ihrem neu entdeckten Wirkstoff ?

Der Wirkstoff ist gegen multiresistente Mykobakterien wirksam, bei denen alle anderen heute verfügbaren Antibiotika nicht mehr wirken. Offenbar greift er an einer anderen Stelle an, als die heute verwendeten Antibiotika. Nur so ist diese Wirksamkeit erklärbar. Diese neue Wirkungsweise scheint entscheidend zu sein, denn bisher haben wir keine Resistenzentwicklungen im Labor beobachten können. Unser Wunschtraum ist, dass wir mit einem einzigen Medikament in kurzer Behandlungszeit eine Heilung der Tuberkulose herbeiführen können. Bisher werden in der Standardtherapie vier Antibiotika gleichzeitig für mindestens sechs Monate gegeben.

Was genau unterscheidet den Wirkstoff im allgemeinen gegenüber den bisherigen Medikamenten?

Der Wirkstoff ist ein kleines schwefel- und stickstoffhaltiges Molekül, aber davon gibt es viele. Er scheint jedoch einen völlig anderen Wirkmechanismus zu haben, als alle bisher bekannten Medikamente, mit denen der tuberkulose-Erreger bekämpft wird.

Aus Medienberichten geht hervor, dass die amerikanische Firma Inverness Medical Innovations die Entwicklung des Medikaments übernehmen wird. Haben Sie bei dem Einsatzgebiet und der späteren Preisgestaltung ein Mitspracherecht um überteuerte Preise in der Dritten Welt zu vermeiden?

Die Weltgemeinschaft ist übereingekommen, Medikamente, die vorrangig in der "Dritten Welt" benötigt werden, dort kostengünstig oder kostenlos zu verteilen. Diesen ethischen Regeln unterwirft sich "Inverness Medical Innovations" ebenso wie wir. Die Preisgestaltung obliegt natürlich dem Unternehmen. Hierbei ist auch zu bedenken, dass die Entwicklung eines Medikamentes zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro kostet. Dieser Betrag muss in der Restlaufzeit der Patente, beginnend ab Zulassung des Medikamentes, refinanziert werden.

Wann kann mit dem Markteintritt des Medikaments gerechnet werden?

Die Entwicklung eines Medikamentes dauert etwa zehn Jahre. Sollten Tests irgendein Gesundheitsrisiko ergeben, wird die Entwicklung abgebrochen. Das kann jederzeit der Fall sein. Unsere bisher ermittelten experimentellen Daten stimmen uns jedoch sehr zuversichtlich, dass die Substanz alle Bedingungen erfüllt, um den Entwicklungsprozess erfolgreich zu durchlaufen.

Wir bedanken uns für das Gespräch.



» Zurück


Felder mit einem * sind Pflichtfelder und müssen ausgefüllt werden.

Rechtlicher Hinweis:

Ihr Beitrag wird erst nach einer Freischaltung angezeigt. Wir sind dazu verpflichtet, Beiträge von außerhalb auf rechtliche Verstöße hin zu überprüfen, bevor sie veröffentlicht werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.


Keine Einträge

Keine Einträge im Gästebuch gefunden.

Footer