Von: Richard Kästner

700 Jahre alter Ort muss Tagebau weichen
"Ich war ein Dorf"
Nach jahrelanger Auseinandersetzung vollzieht die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft MIBRAG die von der Sächsischen Staatsregierung genehmigte Zwangsumsiedlung Heuersdorfs. Doch auch andere Dörfer sind bedroht.

Heuersdorf verlor den Kampf gegen den Braunkohletagebau (Quelle: wikipedia.de/Foto: Elsteraue)
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Die ehemals 350-Seelen-Gemeinde Heuersdorf bei Leipzig weicht derzeit endgültig dem Braunkohletagebau. Die riesigen Braunkohlebagger der MIBRAG sind in Sichtweite, während die verbliebenen Bewohner ihre letzten Habseligkeiten packen. Die meterhohe Abrisskante des Tagebaus "Vereinigtes Schleenhain", 30 Kilometer südlich von Leipzig, nähert sich bedrohlich schnell den verbliebenen Häusern Heuersdorfs. Am Gemeindezentrum prangt der anklagende Spruch "Ich war ein Dorf"; der nördliche Teil des Dorfes ist bereits vollständig abgerissen. Dazu transportierte die MIBRAG Ende 2007 mit riesigem Aufwand die 700 Jahre alte Emmauskirche per Schwerlasttransporter ins benachbarte Borna. Der Taborkirche im südlichen Ortsteil hingegen steht gerade der Abriss bevor.
Wirtschaft kontra Tradition
Im Jahr 2000 schöpften Heuersdorfs Bewohner Hoffnung, als das Sächsische Verfassungsgericht entschied, dass das Dorf nicht verschwinden müsse. Fünf Jahre später stufte das Gericht das von der Sächsischen Staatsregierung 2004 geschaffene "Heuersdorfgesetz", dass die Abbaggerung regelt, jedoch als verfassungskonform ein. Damit war das Schicksal Heuersdorfs besiegelt. Heute sind mehr als die Hälfte der Häuser abgerissen und es leben nur noch acht von ehemals 350 Menschen im Ort.
Der Pressesprecher des Vereins "Für Heuersdorf e.V." Dirk Reinhardt erklärt gegenüber medien-mittweida.de: "Es ist anzunehmen, dass die letzten das Dorf im Verlauf des Frühjahrs verlassen werden." 50 Millionen Tonnen Braunkohle in der Erde haben sich gegen 700 Jahre Dorftradition durchgesetzt. Die sächsische Regierung entschied sich für die MIBRAG, da sie den Betrieb des 1840-Megawatt-Braunkohlekraftwerks Lippendorf sicherstellt und für die kommenden 20 Jahre Arbeitsplätze in der Region sichert. Mit der Sicherung des Wirtschaftsstandortes nahmen sie die Zwangsumsiedlung der Heuersdorfer in Kauf. Seit 1990 wurden in den Kohlerevieren von Nordrhein-Westfalen, der Lausitz und Mitteldeutschlands über 20 Ortschaften abgebrochen.
Nietzsche-Gedenkstätte gefährdet
Im 30 Kilometer entfernten Lützen bei Leipzig könnte sich der Fall Heuersdorf wiederholen. Dem dort von der MIBRAG geplanten Tagebau Lützen fiele die Geburts- und Ruhestätte Friedrich Nietzsches, Röcken, zum Opfer. Um Lützen befinden sich außerdem die Schlachtfelder des dreißigjährigen Krieges und die Todesstätte des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf. Ein Verein zur Rettung der Region Lützen hat im Februar eine Petition bei EU-Umwelt-Kommissar Stavros Dimas eingereicht, um die Abbaggerung zu verhindern. Unterstützung erhalten sie von "Für Heuersdorf e.V.". Laut Reinhardt gebe es recht intensive Kontakte nach Lützen. "Man bittet von dort unseren Verein seit längerem um Ratschläge und Hinweise, wie man gegen die dortigen Pläne der MIBRAG vorgehen kann", erläutert er. Für Heuersdorf jedoch gibt es keine Rettung, wie die Fotoserie von medien-mittweida.de zeigt.
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