Von: Patricia Haueiß

Sportart inspiriert von Endzeitfilm
3, 2, 1, Jugger
Zwischen Volleyballern, Inlineskatern und Radfahrer spielen am sonnigen Nachmittag im Friedrichshainer Park in Berlin die Jugger. Das sind Jugendliche, die mit gepolsterten Schlagstöcken, den Stäben, Schildern und Ketten aufeinander losgehen.

Spieler der "Falco Jugger" bereiten sich auf das Ligaspiel vor. (Quelle/Foto: Patricia Haueiß)
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An einem spätsommerlichen Septembertag treffen zum Ligaspiel im Friedrichshainer Park nach und nach die Spieler der insgesamt sechs Mannschaften mit ihren sperrigen Taschen ein. Einige kommen etwas verspätet und außer Atem mit Fahrrad an und breiten dann ihre Decken und Kampfausstattung aus. Vorwiegend Jungs zwischen elf und 25 Jahren ziehen sich auf der Wiese ihre bunten Trikots über. Darauf stehen Cheffe, Grinzold, Süffi und weitere ausgefallene Namen. Das Spielfeld möchte niemand so recht aufbauen, sondern sie wollen eher plaudern. Da ergreift Stevie, der Logistiker der Mannschaft "Rigor Mortis" auch mal mit Nachdruck verbal durch: "Los, aufbauen".
Die Spieler hier seien ziemlich verschieden, betont der junge Mann mit Kopftuch: "Das sind größten Teils Studierende, dann haben wir auch Beamte, Designer, also alles mögliche Querbeet." Auf der etwas kahlen Wiese stecken die Jugger das Schlachtfeld, das 20 mal 40 Meter große Spielfeld, mit Seilen ab. Eine halbe Stunde nach dem geplanten Auftakt beginnt dann erst das Spiel. Die Spieler begrüßen sich freundschaftlich mit einem Handschlag, denn sie kennen sich fast alle untereinander. Jugger mit langen Haaren machen sich zuvor noch schnell einen Zopf.
"Grünanlagen Guerilla" versus "Skúll"
Nun stehen sich zwei Mannschaften, mit jeweils fünf Spielern gegenüber: die "Grünanlagen Guerilla" und die "Skúll". Außer den zwei Läufern besitzt jeder eine Polsterwaffe, die wie Morgensterne und Schlagstöcke aussehen. Ein Schiedsrichter geht nun in die Mitte des Feldes und legt dort den Jugg, ein ballähnliches Hundeschädel-Imitat, ab. Anschließend schreit er inbrünstig "3,2,1, Jugger" und die Spieler rasen aufeinander zu. Der Trommler schlägt dazu einen Rhythmus. Ziel ist es, den Jugg in das gegnerische Mal, ein flacher Schaumstoffkegel, zu stecken.
Das gelingt zuerst den "Skulls". Es steht 1:0. Die Spieler an der Seite geben Verbesserungsvorschläge und feuern ihr Team an. Linus hat blonde Locken und ist einer der Jugger. Er arbeitet beruflich gerade an einem Galerieprojekt und erklärt begeistert: "Es ist halt ein ziemlich geiler Sport. Es verbindet alles, was man bei einem Sport haben will: Du hast die Schnelligkeit, Training und du hast jede Menge nette Leute." Nicht nur ihn fasziniert das Toben. Spaziergänger bleiben stehen und schauen sich das bunte Treiben an, was an ein mittelalterliches Gefecht erinnert. Wenn nicht gerade getrommelt wird, kann man leises Vogelgezwitscher oder die Straßenbahn vorbeifahren hören.
Mit Kind und Kegel
Anne, die Freundin eines Spielers sitzt entspannt mit ihrem Kind auf der Decke. "Seit 2004 kennen wir uns und seitdem gucke ich eigentlich schon zu. Es macht einfach Spaß und es ist was komplett anderes und nicht so langweilig." Ein junger Mann mit seinen zwei Jungs sitzt ebenfalls neben dem Spielfeld und sehen diesen Sport zum ersten Mal: "Ich habe andere Hobbies, aber ich finde es interessant und könnte mir auf jeden Fall vorstellen mal mitzuspielen", gibt der Vater lächelnd zu. Die Kinder finden den Sport auch "total cool" und würden Jugger auch gern einmal ausprobieren.
Die Spieler wechseln sich nun jeweils beim Trommeln, Spielen oder Schiedsrichtern ab. Die Idee dieser Sportart kam durch einen Endzeitfilm. Seitenwechsel; den zweiten Satz gewinnen dann knapp die "Grünanlagen Guerilla". Ohne Pause beginnt gleich der nächste Satz. Die Ketten schwingen schnell und die Stäbe prallen aufeinander. Ein Jugger verzieht plötzlich schmerzhaft sein Gesicht. Ihm ist ein Gegner beim Angriff versehentlich auf die Hand gesprungen. Nach kurzem Ausschütteln der Hand und einer Entschuldigung des Gegners spielen jedoch alle weiter. "Es hat ein gewisses Gewaltlevel", gibt ein Spieler, der abseits des Feldes steht, zu. "Es ist erlaubt anderen Leuten mal so ein bisschen eine reinzudreschen, allerdings tut es denen nicht wirklich weh, die Waffen sind ja weich".
Außer Atem und verschwitzt
Nikolai ist in der siebenten Klasse und spielt seit einem halben Jahr Jugger. Ihn hat sein großer Bruder zu den Spielen mitgenommen, jetzt sagt er den Spielstand an. Die Teams beraten sich und sind schon sichtlich außer Atem, die Gesichter rot und verschwitzt. Die Sonne steht nun schon etwas tiefer. Schiedrichter Paul erklärt die Herausforderung seiner Position: "Es ist die Schwierigkeit, dass man alles sehen muss. Wenn sie sich kampeln, muss man gucken, ob sie am Hals angreifen, was ja verboten ist, oder nur am Bein." Der sportliche Jugendliche schaut wieder konzentriert auf das Spielfeld.
Die folgenden zwei Sätze gewinnen wieder die "Grünanlagen Guerilla" und somit auch das komplette Duell. Eine Stunde ist vergangen. Jascha, der bisher nur zugesehen hat, testet zum ersten Mal den Sport und die Waffen und erklärt: "Letzte Woche haben meine Eltern einen Bericht darüber gesehen und weil ich mich schon länger für Schwertkampf interessiert habe, bin ich heute zum Training gekommen, um es auszuprobieren. Mein erster Eindruck ist ziemlich lustig, also es macht Spaß."
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