Von: Philipp Girrger
Interview mit Robert Werner von der Greenpeace Energy eG
"Wir brauchen keine weiteren Kohlekraftwerke"
Ökostrom wird immer beliebter. Viele bieten schon seit Jahren, meist eher unbeobachtet, Ökostrom für den ganz normalen Kunden an. Seit 1999 ist die Greenpeace Energy eG auf diesem Sektor tätig. medien-mittweida.de sprach mit dem geschäftsführenden Vorstand Robert Werner.
Robert Werner ist seit 2001 Vorstandsmitglied der Greenpeace Energy eG. Zudem leitet er seit 2002 die Geschicke der Planet energy GmbH, einer Tochter der Genossenschaft, die sich auf den Kraftwerksbau spezialisiert hat. So wurde unter seiner Leitung das Konzept für ein Wasserkraftwerk in Bremen ausgearbeitet, welches frühestes 2009 in Betrieb gehen soll.
Robert Werner sprach mit medien-mittweida.de über die Ziele der Greenpeace Energy eG und den effektiven Schutz des Klimas.
Was würden Sie als Ziel nennen, weswegen Greenpeace Energy eG gegründet wurde?
Wir wollten mit der Gründung nachweisen, dass man unabhängig von der etablierten Stromwirtschaft, sich mit Strom versorgen kann, der nicht in Atom- oder Kohlekraftwerken produziert wird. Diese Unabhängigkeit, sowohl in ökologischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht, ist das große Plus von der Genossenschaft Greenpeace Energy - die ihren Mitgliedern gehört. Die Interessen der Eigentümer stimmen mit denen der Kunden überein, weil in der Regel unsere Eigentümer auch unsere Kunden sind. Das ist etwas, was bei etablierten Stormversorgern genau anders herum ist. Natürlich wollen die Eigentümer der Energiekonzerne eine gute Rendite, meist eine noch höhere als im Vorjahr, und die Kunden wollen niedrige Preise. Das geht dann nicht zusammen.
Ist die Idee der Genossenschaft auch mit entstanden, um die Preise für den Kunden transparent darzustellen und ihm vermitteln zu können?
Das ist richtig. Die Transparenz ist für uns ein hohes Gut. Wir haben nichts zu verbergen, weil wir an dem Punkt keine Wettbewerber sehen. Deshalb haben wir auch die Zusammensetzung des Preises veröffentlicht und den Preis so gestaltet, dass wir an der Kilowattstunde nichts verdienen. Dass heisst, würden alle unsere Kunden aufhören Strom zu verbrauchen, dann wären wir nicht automatisch pleite. Wir glauben das Prinzip durchbrechen zu müssen, dass man dann viel Geld verdient, wenn man viel Strom absetzt. Für einen guten Klimaschutz brauchen wir genau das nicht. Wir müssen dann Geld verdienen, wenn der Kunde immer weniger verbraucht. Es muss als Erfolg gelten, wenn ein Energieversorger es schafft, seine Kunden immer effizienter zu versorgen, mit immer weniger Verbrauch. Das ist auch das Ziel von Greenpeace Energy.
Bis 2020 soll der Energiemix in Europa drastisch verändert werden, hin zu erneuerbaren Energien. Sehen Sie Konkurrenz aus den großen Energiekonzernen auf sich zu kommen, die forciert in erneuerbare Energien investieren könnten?
Das Investitionsverhalten ist momentan widersprüchlich. Auf der einen Seite wird verstärkt in erneuerbare Energien investiert, auf der anderen Seite gehen die Hauptinvestitionsflüsse immer noch in neue Kohlekraftwerke. Allein in Deutschland sind 17 geplant, davon werden sicherlich nicht alle gebaut. Was wir aber nicht brauchen sind neue Kohlekraftwerke, weil sie letztlich die Energiestruktur für die nächsten Jahrzehnte zementieren. Ich wünsche mir, dass die Investitionen noch eindeutiger hin zu den erneuerbaren Energien gelenkt werden. Vor allem in die Kraft-Wärme-Kopplung. Also gleichzeitige Produktion von Strom und Wärme.
Wiegt dann irgendwann die Versorgungssicherheit, zum Beispiel bei der Kraft-Wärme-Kopplung, die zum Großteil mit Gas befeuert wird, nicht weniger als die Ökologie?
Die geopolitische Versorgungssicherheit kann dann am besten gesichert werden, wenn man die Ressourcen, die regional vorhanden sind, optimal nutzt. Den Wind zum Beispiel können sie nicht politisch umlenken. Da könnte Russland machen was es will. Das ist ein riesiger Vorteil der erneuerbaren Energien. Wir brauchen aber, für einen gewissen Zeitraum der technologischen Innovationen, der sich auf 30, 40 Jahren belaufen wird, Erdgas in erhöhtem Maß. Stattdessen brauchen wir kein Uran mehr aus Namibia oder Kohle aus China. Man darf auch nicht so tun, als würden die anderen Energieträger aus mustergültigen Demokratien geliefert werden.
Bei den Kohlekraftwerken gibt es immerhin Ansätze, die CO2-Emissionen einzulagern. Wäre das ein Ansatz, den Greenpeace Energy noch vertreten könnte?
Das ist überhaupt nicht in unserem Sinne. Ich glaube, dass das überhaupt keine Lösung ist. Erstens haben wir keine CO2-freien Kraftwerke. Das gibt es nicht. Es gibt auch keine atommüllfreien Atomkraftwerke. Die Formulierung ist einfach irreführend, denn das CO2 wird nur abgeschieden und soll dann, bei dieser noch nicht erprobten Technologie, eingelagert werden. Es ist aber nicht aus der Welt. Wenn man sich anschaut, dass man beim Atommüll weltweit das Problem der Endlagerung nicht in den Griff bekommt, dann würde ich mir nicht nochmal ein Endlagerproblem ans Bein binden wollen. Auch vor dem Hintergrund, dass mit dieser Technologie der Brennstoffeinsatz erhöht werden muss, halte ich davon nichts. Durch den erhöhten Brennstoffeinsatz sinkt der Effizienzgrad der Kraftwerke. Das ist kontraproduktiv. Das Zweite ist, dass diese Technologie sehr teuer ist. Ich muss mich schon sehr wundern, wenn diskutiert wird, wie teuer die erneuerbaren Technologien seien und man hier gleichzeitig in eine Technologie investiert, die irgendwann in 20 Jahren marktreif sein wird. Man weiß aber jetzt schon, dass sie sich eigentlich nur dann rechnet, wenn die Tonne CO2 im Emissionshandel entsprechend teurer ist. Dass heißt, die Technologie der CO2-Abscheidung funktioniert nur dann wirtschaftlich, wenn wir entsprechend hohe Emissionszertifikatspreise haben. Das sind Widersprüche, die konnte mir noch keiner auflösen. Nein, wir brauchen keine weiteren Kohlekraftwerke in Deutschland. Wir haben andere Möglichkeiten und die müssen jetzt genutzt werden.
Wie würden Sie das international sehen? Gerade wenn Sie an die aufstrebenden Emittenten China und Indien denken. China hat große Kohlevorkommen. Wäre hier nicht ein gangbarer Weg, um diesen Staaten ein gleiches Wohlstandsniveau zu gewährleisten und trotzdem die Möglichkeit des Klimaschutzes zu geben?
Darin besteht die Aufagbe der Industrieländer. Wir müssen das Vorbild sein, damit sich diese aufstrebenden Volkswirtschaften den Umweg über fossile und atomare Energieversorgung sparen können - zumindest zu einem Großteil. China hat auch schon Ziele für den Ausbau der Erneuerbaren formuliert. Das Windvorkommen in China ist zum Beispiel gigantisch. Auch bei der Biomasse lässt sich viel machen. Hier kommt es aber darauf an, das in China und auch in den anderen asiatischen Ländern, von vorne herein ganz andere Effizienzkriterien zum Einsatz kommen, als das bei uns der Fall ist. Es kann nicht angehen, dass dort 14-Liter-Autos durch die Gegend fahren, dass wäre das Ende dieser Atmosphäre. Das können wir uns einfach nicht leisten. Die Erfolgsstrategie der Asiaten ist die Kopie. Dann muss man ihnen auch das richtige zum kopieren vorsetzen.
Stichwort Vorreiterrolle: Ab dem 1. Januar 2008 wird das "Deutsche Schauspielhaus" in Hamburg von Ihnen Strom beziehen. Ist das eine Vorreiterrolle?
Die Aussage die dahinter steckt ist, dass erstens Ökostrom für immer mehr Unternehmen attraktiv wird und zu einer tatsächlichen Option für die Unternehmenspolitik wird. Zweitens ist Ökostrom damit konkurrenzfähig. Wenn wir in Ausschreibungsverfahren gewinnen, dann ist das für uns ein Signal, dass wir nicht nur subjektiv attraktiv sind für einzelne Unternehmer, sondern auch ganz objektiv gegen andere Angebote bestehen können. Insofern kann man von einer Vorreiterrolle sprechen.
Auf www.kabelsalat.tv bieten sie für junge Energieinteressierte, zahlreiche Informationen zur Energieerzeugung, als auch zu deren Einsparung an. Denken Sie, dass sie die junge Generation leichter erreichen können als deren Eltern?
Vor allem erreicht man sie spielerischer. Kinder und Jugendliche haben einen unverkrampfteren Zugang zu der Thematik. Dahinter steckt klar der Gedanke, dass wir der heranwachsenden Generation ein anderes Verständnis von Energie zu kommen lassen müssen. Energie ist für uns immer noch ein Symbol von Wohlstand – ohne elektrische Energie würde heute nichts mehr funktionieren. Aber die Wertigkeit der Energie muss wieder mehr in den Vordergrund gestellt werden. Energie ist etwas mit dem man sorgsam umgehen muss. Hier hilft es frühzeitig darauf hin zu weisen, weil es einen Nutzen für den Geldbeutel und für die Umwelt bringt. Dafür ist diese Website gedacht.
Vielen Dank für das Gespräch.
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