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Freitag, 13. März, Alter: 3 Jahre » Zurück

Von: Bodo Gerlach

Interview mit Bertram Höfer

Textilbranche im Mittelstand

Nach solider Entwicklung belasten Wirtschaftskrise und Plagiate die Betriebe. medien-mittweida.de sprach mit dem langjährigen Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie über Tendenzen und künftige Herausforderungen in dieser Branche.

Bertram Höfer

Bertram Höfer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie. (Quelle: Bertram Höfer)

Nach großen Anfangsschwierigkeiten in der Nach-Wendezeit, stand die Textilindustrie der ehemaligen DDR vor harten Einschnitten, die mit Entlassungen und Firmenpleiten einher gingen. 50 Prozent der erzielten Umsätze in der ostdeutschen Textilbranche erwirtschaften heute sächsiche Textilunternehmen. Es handelt sich somit um einen bedeutsamen Wirtschaftszweig, in dem heute rund 12 000 Beschäftigte tätig sind.

Wie würden Sie die Entwicklung der sächsischen Textilindustrie in den vergangenen 20 Jahren skizzieren?

Bis 1995 vollzog sich ein Abbau von Kapazitäten in der Branche. Seitdem konnte eine Stabilisierung erreicht werden. Mit durchschnittlich 60 Beschäftigten strukturierte sich der Zweig vor allem mittelständig. Jedoch waren die Umsätze - und im besonderen Maße der Auslandsumsatz – schon seit 1991 im Wachstum begriffen. Die Unternehmen sind in ihrer Produktpalette vielseitig aufgestellt. Den Hauptanteil macht dabei die Veredlungsindustrie aus. Als Textilregion Sachsen tritt besonders der Vogtlandkreis hervor.

Welche Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise sind in der Textilbranche Sachsens zu befürchten?

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise sind bereits deutlich spürbar. Während gerade der Wachstumsbereich der technischen Textilien in den Sparten der Automobilzulieferer besonders betroffen ist, werden die Auswirkungen in den Vorstufenbetrieben, wie Garnhersteller und Flächenproduzenten, zeitversetzt folgen.

Würden Entlassungen in den Schwellenländern, wie Indien oder China, auch zu ähnlichen Entwicklungen bei uns führen?

Die Verflechtung mit Produktionen in Schwellenländern, wie Indien oder China, ist kaum relevant. Die Marktanteile dort sind auf Messen- und Stapelprodukte fokussiert. Wir grenzen uns durch besonders innovative und hochpreisige Produkte ab. Entlassungen in diesen Ländern haben deshalb auch keinen direkten Einfluss auf unsere Industrie.

In welchem Ausmaß bereitet Produktpiraterie den Unternehmen Probleme?

Marken- und Produktpiraten betreiben skrupellos ein einträgliches Geschäft auf Kosten anderer. Die verantwortungsbewussten Original-Produzenten haben das Nachsehen. Sie erbringen den Aufwand für Produktentwicklung, hochwertige Materialien, Marketing sowie die Einhaltung von Umwelt-, Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Die aus dem ungleichen Wettbewerb resultierenden Umsatzverluste der deutschen Wirtschaft betragen jährlich zirka 27 Milliarden Euro. Das entspricht einem Volumen von bis zu 70 000 Arbeitsplätzen, die verloren gehen. Infolge von Marken- und Produktpiraterie erleidet die sächsische Textil- und Bekleidungsindustrie jährlich Umsatzeinbußen von rund fünf Millionen Euro und verlor in den vergangenen zehn Jahren insgesamt zirka 1 200 Arbeitsplätze.

Die aktuelle Zollstatistik für den Textil- und Modesektor ist alarmierend. Kein anderer Bereich weist vergleichbare Steigerungsraten auf. 26 500 Beschlagnahmen mit 17,8 Millionen Artikeln betrafen den Bereich Textil, Schuhe und Accessoires. Dies bedeutet eine Zunahme bei den beschlagnahmten Artikeln von 24 Prozent. Auf Bekleidung (ohne Schuhe und Accessoires) entfielen etwas mehr als 14 000 Fälle mit rund 6,5 Millionen Artikeln. Die Steigerung zum Vorjahr beträgt knapp 20 Prozent. Hauptherkunftsland der Fälschungen ist China - rund 60 Prozent, bei Schuhen 80 Prozent - gefolgt von der Türkei, aus der 20 Prozent der Fälschungen bei Sportbekleidung und zehn Prozent der Bekleidungsfakes kommen. Interessant ist, dass sich auch Italien als Mitgliedsstaat auf der Liste findet. 2,66 Prozent der gefälschten (Nichtsport-)Kleidung stammen von dort, außerdem 2,35 Prozent der gefakten Schuhe und sogar 17,5 Prozent der falschen Accessoires. Offensichtlich gelangt diese Ware irgendwie an die Außengrenzen der EU.

Wo liegen die Stärken der einheimischer Firmen, sich gegen Produzenten aus Billiglohnländern durchzusetzen?

Die Stärken – und damit die Abgrenzungen zu Billiglohnländern – liegen im hohen Service bei der Herstellung unserer Produkte, in der Liefertreue, kurzen Lieferzeiten und im hohen Innovationsgrad unserer Produkte. Die 17 deutschen Textilforschungsinstitute sind ein Garant für ständige Produkt- und Verfahrenserneuerungen und stellen ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Ländern außerhalb Europas dar. Auch gegenüber unseren direkten Mitkonkurrenten in Westeuropa haben wir bezüglich der Forschungskapazitäten eine herausragende Position.

Dabei muss grundlegend zwischen Textil- und Bekleidungsindustrie unterschieden werden. Während die Bekleidungsproduktion in starkem Maße im Ausland Realisation findet, produzieren und entwickeln vorwiegend deutsche Firmen hochinnovative Erzeugnisse der Textilindustrie.

Wir bedanken uns für dieses Gespräch.



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